! Sie hielten ihre Mützen vor und beteten, und wir beteten alle.
Minens Sarg war sehr einfach, ohne alle Verzie
rung. Sie hatte es nicht ausdrücklich so angeordnet; allein sie bezeugte ihr Missfallen, dass der Sarg ihres Verwandten zu gekünstelt gewesen. – Schon lange zuvor ward ich vom guten Prediger befragt, ob Mine nach c u r i s c h e r oder p r e u ss i s c h e r Art begraben werden sollte? Sie selbst hatte weder im Testament, noch im Codicill, weder schriftlich, noch mündlich darüber Verfügungen getroffen, ausser dass sie gern bei ihren Verwandten begraben werden wollte, um sie am lieben jüngsten Tage gleich bei der Hand zu haben. Ich bat ihn sehr, es, wie es Sitte im land wäre, zu halten; und nun noch ein Umstand.
Zu den ausgezeichneten Eingepfarrten gehörte der
Graf v. – –, ein besonderer Mann. Seine Hauptbeschäftigung war, Leute sterben zu sehen. Er nahm, wo er von Kranken hörte, sie bei sich auf, und wenigstens waren sieben, die bei ihm starben, man mochte zu ihm kommen, wenn man wollte. Oft waren mehr. Unter den Kranken zog er Verlassene und solche Leute vor, deren Schicksal ungemein war, und die meiste Zeit war die Zahl ausserordentlich und über sieben. Seine Sterbezimmer waren immer besetzt. Der Graf hatte sehr traurige Schicksale überlebt. Seine sieben Kinder, alle in voller Blüte, unter denen zwei Töchter als Bräute und ein Sohn als Bräutigam, starben in Zeit von drei Jahren. Die Bräutigame der Töchter, die Braut des Sohnes folgten und seine Gemahlin auch. Ein einziger Bedienter war von seiner Jugend, oder, wie er sich ausdrückte, von s e i n e r Frühlingsbekanntschaft übrig, alle übrigen hatten ihn im Stich gelass e n . Mit diesem alten Bedienten hielt er Haus, das hiess in seiner Sprache, b e s t e l l t e er sein Haus, in dem biblischen Sinn: b e s t e l l e d e i n H a u s , d e n n d u w i r s t s t e r b e n . Der Graf ging mit diesem alten Bedienten als Freund, als Mensch um. Nicht war es Herablassung; denn wahrlich, die ist oft ärgerlicher als Stolz und Hoffart, sondern Menschengefühl war es. Spötter nannten sein Schloss ein Gebeinhaus; allein er setzte sich über dieses und mehr hinaus. Ich lerne sterben, sagte er, und lass es mir von andern vormachen; ich lasse mir vorsterben – und bin mit allen letzten Dingen in genaue Bekanntschaft getreten. Seine Gedanken, die er mir bei der Leichenfolge weitläuftiger eröffnete, sind im Kurzen: Ein Arzt und Prediger sehen sterben; allein ausserdem, dass sie selten zu Masse kommen, so haben sie zu wenig Zeit, den Tod abzuwarten. Der eine sieht auf den Leib und der andere auf die Seele; keiner von beiden steht auf den M e n s c h e n . So befremdend es scheint, so hat es mir doch die Erfahrung bestätigt, dass der Arzt, wenn er gleich das P u l v e r e r f u n d e n h a t , das er eingibt, doch eben so selten, wo nicht seltener, den Leib des Kranken treffe, als der Prediger die Seele. Beide gehen aus ihrem Compendio und nicht aus der Sterbestube aus – und so und nicht anders werden sie auch von Seelen- und Leibespatienten behandelt. – Ich habe nicht sagen gelernt: d e r T o d m a g m i r so oder so kommen, ich will ihm d i e S p i t z e b i e t e n , wohl aber: i c h s t e r b e t ä g l i c h . – Wahrlich, man macht zu wenig Erfahrungen über den Eingang des Menschen in und den Ausgang des Menschen aus der Welt. – Wir lernen den Menschen kennen, wenn er nicht mehr zu kennen ist, wenn Leib und Seele sich nolens volens so in einander geworfen, dass man in die Schule gehen und sich beglaubigen lassen muss, dass man eine Seele und auch einen Leib habe. – Freund, wer zehn Menschen sterben gesehen, weiss, was ein Mensch ist. Ein anderer weiss es gar nicht, oder hat es Mühe zu wissen.
Dieser Graf, d i e s e r b e s o n d e r e M a n n ward zur Leichenfolge gebeten. Es ist das einzige Mittel, sagte der Prediger, um mich mit ihm auszusöhnen; denn in Wahrheit, er würde' es für eine Todsünde halten, dass ich ihm Minchen entzogen, wenn ich nicht die Sache auf diese Art wenigstens einigermassen in's Reine bringen sollte. – Er kommt gewiss, fuhr der Prediger fort, ohne dass ihm jemand darüber Zweifel entgegensetzte. Er kommt gewiss, wenn ihn nicht was Sterbendes abhält, um, nach seiner Sprache, der Entseelten das Bette machen zu helfen.
Ich war sehr entfernt, mich dem Prediger in den Weg zu legen. Ein Mann, wie dieser Graf, stört nicht, wenn man auch eine Mine begraben lässt, und eben so wenig hatte' ich dagegen, da der gute Prediger mir seine Absicht eröffnete, Minen einen Leichensermon zu halten, wie er,