wohl, alle ihr mitleidigen Oerter, wo ich mich ausruhte, wenn ich mich nicht mehr bücken konnte, und du vor allen, gütigster Ort, wo mir ein sanfter, spannenbreiter Bach Kühlung gab und mich in süssen Schlaf rauschte, lebe wohl! Da sah ich, wie das neugierige Feldblümchen, welches am Ufer blühte, sich recht mühsam herüberbog, als wollte es das Ohr ans kleine Wellchen legen und es behorchen. Da sah ich – bis ich sanft einschlief – sanft. O so sanft komme mir auch der Tod, so sanft! – Dann bin ich reicher, als wenn mir alle diese Felder gehörten und der spannenbreite Bach, den die neugierige Feldblume belauschte, und die mitleidigen Oerter, wo ich mich so sanft ausruhte – so sanft! –
(Ende der Beilage A.)
nicht bemerken. Ich bat Gretchen, durch geschworne Leute die Sachen würdigen zu lassen, um dem Hermann nicht zu entziehen, was ihm die Rechte als Erbe seiner Tochter zuwendeten. Ich konnte bei dieser Würdigung nicht gegenwärtig sein.
Gretchen und ich teilten uns diesen unschätzbaren Nachlass. Sie lehnte meinen Antrag nicht im mindesten, auch nicht durch eine Verbeugung ab; sie dankte auch nicht, sondern eignete sich ihren teil zu, als etwas, das ihr eignete und gebührte. Für den Hermann ward auf alle Fälle, oder eigentlicher auf den Fall, ein Stück abgelegt, wenn er wollen würde, und für den ehrlichen Benjamin unter dem einen Beding – wenn er noch lebte. – An die Teilung ward nicht eher als den siebenten Tag nach Minens Beerdigung gedacht.
über Minens Begräbniss werde ich kurz sein. Den ganzen Tag vor dem Begräbnisstage brachten wir in Gesellschaft der Leiche zu. Nur bis dahin war ich an mein Versprechen, Minen nicht zu sehen, gebunden. Jetzt ging das n o c h e i n m a l an, das ich mir vorbehalten hatte, und diess n o c h e i n m a l währte einen ganzen Tag. – Gretchen hatte mir den mündlichen Bescheid abgegeben: "Wenn er nicht vor dem Haar einer toten zurückbebt, kann er eine Haarlocke nehmen." Die Empfindung, mit der ich mir diess Geschenk nahm, ist unbeschreiblich. – O du mir teures und wertes Geschenk, wie noch angenehmer wärst du mir aus Minchens Hand gewesen, die kalt ist und kalt bleibt, obgleich sie dein Freund, dein Mann an brennenden Lippen anzünden will. Alle ihre Sachen nannte ich m i t t e l b a r , diese Haarlocke war was U n m i t t e l b a r e s ; sie war ein Stück von Minen selbst, das einzige, was Menschen unmittelbar mit Anstand von einander nehmen können. – Diess war mit ein Hauptstück für mich, ins Grab – –
Der Tag, den wir mit Minen, eigentlich mit ihrer Hälfte, mit weniger als ihrer Hälfte, zusammen waren, wie kurz war er! Eh' er sich neigte, schien es mit meiner Fassung auch zum Ende zu gehen; bis dahin hatte' ich mich gut gehalten, wie der Prediger sagte. Er legte es nach verschiedenen Metoden mit mir an, allein keine einzige hielt Stich. – Wir hatten ein Tiefes und ein Hohes über die Gleichmütigkeit gesprochen. – Der gute Pastor sagte mir als etwas ganz Neues, dass die Gleichmütigkeit zum Charakter gehöre, die Gleichmütigkeit zum Temperament. – Ich wusste so gut und besser wie der Prediger, dass, wenn die Gleichmütigkeit aus der Selbstbeherrschung entsteht, sie bei allen Vorfällen des Lebens das Kleid des Weisen und so sehr von der Fühllosigkeit unterschieden sei, als lieben und verliebt sein. – Was helfen aber alle diese Vortrefflichkeiten, die nicht zum Herzen gehen? Minchens Leichnam machte alle Kunst zu Schanden. Mit Freuden taten wir alle auf das Kleid des Weisen Verzicht, und suchten eine Wonne darin, bloss Menschen zu sein, wie die liebe Mutter natur sie am liebsten hat. Und am Ende, Freunde, geht's der abgehärteten Seele und dem abgehärteten Körper wie dem Stahl – diess und das springt. Ihr, die ihr den Menschen an Leib und Seele verhärten wollt, bedenkt, was wir sind. Ich bin ein Mensch, heisst das nicht, ich bin schwach?
Der letzte Abschied, den wir von Minens zurückgelassenem teil nahmen, war rührend. Wir sprachen mit ihm, als könnt' er hören; wir verstummten, da er nicht antwortete. Wie sehr es mir zur Beruhigung gereichte, dass alles meinen Schmerz mit empfand, kann ich nicht aussprechen. Er verteilte sich, doch blieb für mich so viel zurück, dass mir das Leben wie gar nichts war. Diese Empfindung hätt' ich um alles nicht weggegeben.
Da wir hinausgingen und ich Minen noch zum letztenmal ansehen wollte, konnte' ich es nicht. – Ich war mit Blindheit geschlagen; allein mein Ohr und Herz hörten die Worte, welche der Prediger, der sich an den Sarg stellte, mit gerührter Seele aussprach: D e r Herr behüte deinen Ausgang und Eingang, von nun an bis in Ewigk e i t ! Und nun kamen zwei Leute, die den Sarg fest zusammendrückten und nach diesem schrecklichen Zusammendrucke sich zu uns mit den Worten wendeten: G o t t b e s c h e r ' u n s a l l e n e i n e s e l i g e N a c h f a h r t