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Väter weinen.

Es ward dem Pastor und seiner Gemeinde, als ob die Erde bebte, da der Mörder siegprankte und trotzte. Der Pastor setzte seinen Hut auf und die Begleiter und Begleiterinnen falteten die hände. Der Edelmann mir nichts, dir nichts, sprengte davon; denn er hatte seit vielen Wochen ein anderes Annchen, drum verzieh er unserem, dass es gestorben war.

Diese schrecklichen Worte hatten dem Pastor schnell die Tränen gestauet. Beim heftigen Ungewitter regnet es nicht. – Da, fing der Pastor an, da habt ihr, meine Lieben, den Teufel gesehen! – Sie war ein Engel, er ein Teufel, und alle, die solche Augenbraunen sahen, fürchteten sich nach der Zeit, als sähen sie den bösen Geist. – Einige von den Stadtfrauen, welche das selige, gute, unschuldige Annchen gekannt hatten und unter denen die bewussten drei am meisten, wunderten sich und sprachen: Warum erscheint nicht Annchens Geist dem Bösewicht? Warum fährt nicht ihre kalte Hand über sein Gesicht, bis Todesschweiss vor seiner Stirn steht? Warum heulen nicht des Abends zwischen elf und zwölf Hunde, damit ihm die Ohren gellen? Warum kreiselt nicht ein Sturmwind sich um ihn herum, damit ihm hören und Sehen vergehe? Warum pfeift ihm nicht der Nord zu: Du bist der Mann des Todes? Warum rasseln nicht, wenn er mit seiner Buhlerin ins Bett steigt, unter seinem Bette Ketten? Warum fahren nicht kalte Schauer kreuzweis durch seine Seele? Warum schreien nicht Eulen, wenn er des Abends nach frischer Luft schnappt? Und warum verscheucht sich nicht sein Pferd vor einer Erscheinung und wirst ihn herab auf ebenem Wege? Warum schlägt es nicht an sein Fenster mit Fäusten an, damit, wenn er: wer da? ruft, er nichts als einen Schatten von der Seite sich wegziehen sähe? Warum klirrt und knarrt, knistert und knastert es nicht in seinem Zimmer, obgleich alles ringsherum altes, reif ausgetrocknetes Holz ist, als wollte es in die Worte ausbrechen: M ö r d e r , M ö r d e r ! – Wundert euch dessen nicht, meine Lieben, sagte der Pastor gar eben, dass das alles nicht geschieht; Anne hat ihm verziehen, eben weil sie ein Engel ist. – Wenn sich die Menschen dem Teufel ergeben, lässt der Teufel sie seine Knechtsjahre ungestört. – Des Teufels Knechte sind fast immer vornehme Herrenallein wenn die Contractsjahre aus sind

Die Gemeinde schlug sich ein Kreuz und alles betete:

"Für dem Teufel uns bewahr'!"

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Zwar eine Aehrenleserin, und doch reich! Wie ich noch arbeiten konnte, band ich Garben und beschämte oft junge Mädchen in der Schnelligkeit. Man sagte von mir, ich griff Glück, wenn ich unter der blinkenden Sichel Getreide griff. Im Alter lese ich Aehren und freue mich, dass ich's kann. Lieber würde ich's sehen, wenn ich mich nicht bücken dürfte. Doch bückt man sich nicht auch, wenn man stirbt? Und mir ist immer so wohl, wenn ich eine Aehre finde, als fände ich meinen seligen Tod. – Auch der wird kommen, wenn Zeit und Stunde sein wird, so wie der liebreiche Gott mir meine Schürze voll Aehren beschert, wenn es Zeit ist. – Da sagen mir oft Leute, die steht das Korn, was leset Ihr? Schneidet mit einem Messer Aehren, so habt Ihr in einer halben Stunde mehr, als Ihr tragen könnt. Seht, wie wir es machen. Schämt euch, Kinder, antworte ich, dass ihr euch mit Aehrenlesen abgebt, und schämt euch doppelt, dass ihr Gott und Menschen mit dem Messer betrügt. Der liebe Gott, der unser Haar zählt, zählt auch jedes Erdenhaar, jeden Halm. – Glaubt mir, jede Aehre, die ihr abgeschnitten habt, wird euch über kurz oder lang im Gewissen schneiden. – Wie kann euch Brod anschlagen, das ihr stehlt? – Brod stehlen, dass heisst so viel, wenn es nicht noch mehr heisst, als vom Altar Gottes nehmen, ungeachtet die liebe Sonne hell brennt. Ehe Hungers gestorben, als solch gestohlenes Brod gegessen! Seht, wenn ein Halm dem Stahl des Schnitters entkommen und wie verwaist allein unter Stoppeln da stehtich nehme ihn nicht. Stehe, sage ich zu ihm, bis dich der Nord knickt, wie mich das Alter. – Wenn ihr ehrlich Aehren lesen würdet, ihr Aehrendiebe, wäre es Schande und Sünde; denn könnt ihr nicht noch arbeiten und Glück greifen, wie ich's gegriffen habe, ohne Aehren zu lesen oder bei Gottes tür zu betteln? Ich werde euch nicht lange mehr im Wege sein. Alle Jahre finde ich weniger Aehren, und immer habe ich denn auch weniger nötig. – Je älter, desto weniger Hunger, je weniger Zähne, desto weniger Magen. – Diess Jahr nur wenige hände voll Aehren; so wenig hab' ich noch kein Jahr gehabt. – Ich glaube, ich habe diess Jahr zum letztenmal gelesen. O wie gern, wie gern möchte ich aus dieser argen, bösen, bösen Welt herausscheiden, wo man sogar Gottes Altar beim hellbrennenden Lichte bestiehlt. Lebt wohl, wenn ich euch nicht mehr wiedersehen soll, gütige Felder! Tragt siebenfältig und mehrfältig, so vielfältig, als es eurem Eigentümer nützlich und selig ist. – Gott vergelte jedem die Aehren, die mir sein Acker verliehen hat! Lebt