zu beten. Ja, Tochter, ich will für dich beten, ich will beten, dass dich Gott beruhige. – Nein, Mutter, dass ich sterbe, dass ich sterbe, dass ich sterbe, alles andere Gebet widerruf' ich – der Tod, das ist mein Alles!
Anne sprach diess gelassener als ich, so gelassen, dass man wohl sah, der Tod sei ihr Alles. – Sie knieten beide, Mutter und Tochter, dicht zusammen und hielten die hände gegen Himmel, als wär' es nur eine. – Sehnlichst beteten sie um den Tod, und das ist eine grosse Gabe Gottes, die der liebe Gott nicht erst jemandem gibt, sondern nur denen er gut ist. Wir sterben zwar alle, allein es kommt beim Tod aufs Wann an, auf eine erwünschte, das ist, auf eine selige Stunde. Da nimmt man nicht zehn Leben um einen Tod. – Die Tochter starb so ruhig, dass man ihr die ewige Seligkeit ansehen konnte. Die Mutter musste noch acht Tage jammern; sie hatte keinen Schmerz, allein sie jammerte: – Mein Mann tot – meine Tochter tot – und ich, ich hab' ein heimtückisches, hartes Leben! Schon lange bei Lebenszeit ihres Mannes war sie siech; der Tod ihrer Tochter hatte ihr vollends das Herz gebrochen. Nun ging es gegen den achten Tag, dass die Leiche ihrer Tochter auf sie wartete, unbegraben. Auf einen Tag, sagte die Mutter zu ihrer sterbenden Tochter, auf einen Tag, sagte die Tochter. Auf einen Tag, sagten sie sich hundertmal, und auf einen Tag waren auch ihre letzten Worte. Sie starb – o Gott! fast wie ihre Tochter. Fast, ganz nicht, denn die Tochter starb noch leichter. Die Mutter war älter, das Leben hatte sich mehr angeklammert und der Tod musste reissen; eh' er seinen Zweck erriss. Der Mutter Sarg stand schon längst bei dem Sarge ihrer Tochter, noch eh' die Mutter selbst drin war. Was das für ein Leichenzug war! Sie wollten still begraben sein, allein alles im Städtchen, was gehen konnte, ging den Särgen nach. Sie waren allen und jeden Wegweiser zur ewigen Ruhe. Die Taglöhner verdungen sich nur auf den halben Tag, um dieses Begräbniss zu sehen. Der Pastor weinte, er war ausser den dreien der vierte, der Annens Fall wusste. Die Engel fielen und wurden Teufel; allein Anne blieb, was sie war, im priesterlichen Auge. Der Pastor weinte, denn er hatte kein Engelsbild mehr in seiner Gemeinde; er wusste nicht, wie er die Engelsgestalt deutlich machen würde, da er Annen nicht mehr sehen konnte. – Ich werde sie bald sehen, fing er prophetisch an mit entzücktem Mute, drückte sich den Hut in die Augen und ging so, als ob er den Tod ausfordern wollte. Der gute Pastor! Er wollte ein Erbauungswort bei dem grab dieser beiden Seligen verbreiten, doch das konnte' er nicht. Annens Gesicht, das ihm noch zu lebhaft vor den Augen schwebte, störte ihn; er verstummte selbst in der Collecte und schluchzte laut. Der Schuster V e i t , der so gut singt als einer, half ihm aus, ohne dass es viel zu merken war. Dieser war bekannt, dass er Melodie hielt und nicht weinen konnte. Sie hatten eben die toten begraben und wollten heimgehen, da kam der Edelmann auf sie zugesprengt: er ritt keinen Fuchs, sondern einen Schwarzen.
Ha! dachte der Pastor, da er den Edelmann, den er wohl kannte, auf einem Rappen und nicht mehr auf dem Fuchs sah – ha, das Gewissen! das Gewissen! Es war ihm Vergnügen, den Judas hängen zu sehen, und wahrlich, wenn ein Bösewicht von der Welt Verzeihung haben will, muss er unstät und flüchtig – verzweifelnd aussehen.
Der Bösewicht hätte ungefragt wissen können, was und wie und wer? denn unsere toten kamen in eine Reihe mit Mann, mit Vater. An dieser Stelle, Bösewicht, hast du geweint. Er fragte aber ein blosses kaltblütiges W e r ?
A n n e , sagte der Pastor und zog seinen Hut ab, und die Tränen stürzten herunter, als gösse er seine Augen aus – Anne, sagte er, und die ganze Versammlung wimmerte Anne, und lange hernach sagte alles: "Ihre Mutter auch." Da hätte man doch denken sollen, würde er sich an die Brust schlagen und verzweifeln. Eins sagte dem andern: D a s i s t e r , und mancher, der Herz hatte, setzte, wiewohl ins Ohr, hinzu: d e r M ö r d e r ! Alles wusste von seiner Falschheit gegen Annen, allein nur drei, ausser dem Pastor, von i h r e r Leichtgläubigkeit. Der Bösewicht schien mir nichts, dir nichts. Sie hat Ihnen – ver – ziehen, gnädiger Herr, sagte der Pastor, und konnte das Wort v e r z i e h e n lange nicht herausbringen. Der alte Mann war zu bewegt. – Sie hat Ihnen verziehen, wiederholte er mit blossem haupt. Und ich, versetzte der Frevler trotzig, verzeih' ihr auch, dass sie gestorben ist! O Jungfrauen, denkt ans Jahr nach Christi Geburt eintausend siebenhundert und sieben und an die Verzeihung, dass sie gestorben ist. Traut nicht den gnädigen Herren, wenn sie gleich bei den Gräbern eurer