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ein schöner, adelicher Hof. O hört, ihr tugendsamen Jungfrauen, was sich zutrug im Jahr nach Christi Geburt eintausend siebenhundert und sieben; hört es und weint um eure Schwester! Es war einmal ein ehrlicher Bürgersmann, der hatte eine schöne Tochter. Der Pastor sah sie an, wenn er die Schönheit des Engels beschrieb, der auf Gottes Geheiss einen menschlichen Leib auf eine kurze Zeit angezogen. Er sah nicht seine Frau an, denn die war alt, obgleich sie sich beide nichts vorzurücken hatten und passend gemacht, dass der Engel nichts abschneiden durfte, wenn er ein Menschengewand auf Gottes Befehl nötig gehabt. Freilich sah sie so schwindsüchtig nicht aus, wie das vornehme Ding in unserer Nachbarschaft, von der alles sagt, sie sei die schönste im land. Dass sich Gott erbarm'! wer A n n e n sah, wusste sicher, was Schönheit sei; wer sie nicht gesehen hatte, war zweifelhaft. Man verglich die andern Gesichter nicht mehr mit der natur, sondern mit Annen, nicht mit der weissen Lilie den Busen, nicht mit dem Himmelsblau das Auge, nicht mit einer aufbrechenden Rose das Frische im Gesichtman verglich es mit Annen. Sie hat das von Annen und jenes von Annen, so sprach jeder, wer Annen gesehen. Man hatte nicht nötig, sich herumzutun und hier und da was in der natur zusammenzusuchenAnne war alles zusammen. – Sie war weiss, allein wer auch eine Braune liebte, blieb stehen, wenn er sie sah, und sagte laut: schön! Sie hatte so was Gesundweisses im Gesicht, dass man das Blut rinnen sehen konnte. O ein schönes Blut! Der ganze Himmel lag auf ihrem Gesicht, weiss, rot, blau. Wenn man ihn im Kleinen wollte, sah man Annen anund ihre Seele? wer eine Seele sehen wollte, sah ihr ins Auge, da hatte sie sich einquartiert. Wen sie damit ansah, hatte Gottes Bild gesehen, und ein Strahl von diesem Bilde liess so viel Ehrfurcht zurück, dass man Annen liebte und ehrte. Ihr Auge war die Sonne am Himmel. Man dankte Gott, dass er so schöne Menschen auf seiner Welt gemachtund wär' es erlaubt, dass ein Engel, wenn er auf Gottes Extrapost fährt und der Erdenluft wegen ein Menschengewand angezogen hat, wär' es erlaubt, dass ein Engel ohne Gottes Trauschein sich verheiraten könnte, er nähme sie. – Sie wäre Fleisch von seinem Fleisch, Geist von seinem Geist. – O ihr Jungfrauen, hört, was sich mit Annen zutrug und mit dem Edelmann, der stets einen Fuchs ritt. Er stellte sich, als liebte er sie; allein er liebte sie nicht, denn die Liebe macht tugendhaft, wenn man einen Engel wie Annen liebt. Er liebte sie, doch war seine Liebe Leckerei. – Der Bösewicht meinte nicht sie, sondern sich. – Hast du ihr nicht ins Auge gesehenund recht ins Gesicht, oder fürchtest du dich nicht vor Gott und vor dem Himmel, Bösewicht! vor was fürchtest du dich denn? Sie waren beide schönschön! allein welch ein Unterschied in der Schönheit! S i e schön wie ein Engel, e r schön wie ein Teufel, wenn er sich in einen Engel des Lichts verkleidet hat. Er schwur, Annen zu lieben bis in den Tod, und wie leicht können wir betrogen werden, wenn es jemand zum Betrug anlegt, der so schön ist wie der Edelmann? Wer sieht immer auf die Augenbraunen? Anne sagte auf sein Zudringen: Ich will, wenn meine Mutter will. – Ihr Vater war während der Zeit gestorben, und der Edelmann, der ihn zur Gruft begleitete, hatte sich so betrübt gestellt, dass Anne ihres Vaters und ihres Liebhabers wegen gleich betrübt war. Die arme Unglückliche! Bis jetzt hatte er noch nicht das väterliche Haus betreten. Sein erster Schritt war ins Trauerhaus. Eine schreckliche Vorbedeutung! – Nun kam er, wenn er wollte, und Anne blieb zwar bei ihrem: Ich will, wenn meine Mutter will; allein sie sprach es immer schwächer. Der Bösewicht grüsste die Mutter nicht mit den süssen Worten: Gib mir deine Tochter. – Er suchte die Tochter ihrer Mutter allmählich zu entwöhnen. Die Mutter merkte. – Wie ist's, fragte sie den Edelmann, Ernst oder Scherz, Spiel oder Ehe? – O Anne, warum sahst du ihm nicht in sein verruchtes Gesicht bei dieser mütterlichen Fragerecht ins Gesicht? du hättest den Bösewicht entdeckt in Lebensgrösse. Er raffte sich bald zusammen. E r n s t , sprach er, E h e . Wie, sagte die Tochter, da der Bösewicht diesen Abend das Haus der Unschuld verliess, wie wär' es anders zu denken? Die Mutter ward ruhig nach diesem Abend. Mehr hatte dem Edelmann nicht gefehlt, seiner Gottlosigkeit vollen Lauf zu lassen und die Unschuld zu vergiften, als diese Ruhe der Mutter. – – O ihr Jungfrauen, weint um eure Schwester, die durch einen Bösewicht von der strengen Bahn der Unschuld und Tugend verführt ward. Nur Mutter und Tochter und drei aus ihrer Verwandtschaft wussten ihren Fall. Der Tod entriss ihn dem Ottergift der Stadtlippen. Ihre Mutter rang die hände, Anne konnte sie nicht ringender Tod war ihr Leben. – Sie konnte, sie wollte nichts weiter, als sterben; kniend bat sie ihre Mutter, für sie