daran Schuld hättet, dass ihr so beten müsstet; jetzt weint nicht.
Mich, mich lasst weinen, lieben Leutlein! lasst mich, mich lasst weinen! Ich hab' meinen Bruder verloren, den einzigen, den ich hatte; und was hab' ich von ihm behalten? Zwar auch was, aber was? Einen Baum am väterlichen haus, den unser guter Vater an dem Tage pflanzte, da unsere Mutter zu ihm sagte: Es geht unter meinem Herzen auf. Der Vater pflanzte den Baum, und Caspar und der Baum waren Jahreskinder. Der Vater nannte sie beide Caspar, den Sohn Caspar, den Baum Caspar. Der Baum steht und blüht und ist immer kerngesund. Sein Milchbruder tot! das ist nicht tröstlich, ärgerlich ist's. Der Baum Caspar steht, der Bruder Caspar stirbt; aber auch ich finde mich drein, und sollt' ich nicht? Der Baum lebte nur im Sommer, und Bruder Caspar lebte auch im Winter. Zwar schläft der Mensch, doch lebt er drum nicht? Ich möchte' einen Traum nicht um drei Tage hingeben, und der Baum, schläft er nicht auch? lässt er seine Flügel nicht fallen? Seine Blätter geniessen die süsse, sanfte Ruhe und werden durch den Sonnenstrahl erweckt früher wie wir. Wären die Bäume im Winter, wo die Störche sind, würden sie inwärts ausschlagen und blühen; o, dann wär' es was anderes! Ist aber im Winter der Wald nicht eine Einöde bis auf die Tannen, die nicht aus den Kleidern kommen? Da stehen sie, wie Trabanten, in voller Pracht und Herrlichkeit, wie eine grüne russische Wache um den Regenten, so stehen die Tannen um die Eiche herum – und Bruder Caspar, war er nicht ein Mensch? Das ist viel mehr, als ein ganzer Wald voll Eichen und Tannen. Der Baum ist Baum und bleibt Baum. Bruder Caspar ist ein Engel worden, Baum Caspar ist Baum und bleibt Baum. Sei ruhig, lieber Baum, ich werde dich nicht tödten. Ihr, die ihr die Hand nach ihm ausreckt, lasst ihn, wenn er auch noch so alt und wohlbetagt ist, oben eine Glatze bekommt und blätterlos wird – lasst ihn, er ist mit mir verwandt; er heisst Caspar. Und wenn ich mit dem rechten Caspar im Himmel zusammenkomme, will ich es seinem Milchbruder erzählen, dass der Baum noch vor dem väterlichen haus stehe. Ich weine nicht mehr.2
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Der Krieger ist gefallen, doch fiel er? Nein, er sank. Wer fällt, hat das Herz verloren, und man braucht das Herz bis auf den letzten Lebenshauch. Er sank, allmählich kam er zur Erde. Hört es, Krieger, die ihr mit ihm lebtet und nach ihm leben werdet: nicht der Feind, nicht der Feind, sondern der Tod hat ihn übermannt. Unser Held hatte den letzten Schlag; den Krieger schlug er, der ihm den Todesschlag gab, und der fiel, aber unser Held nicht, unser – – sank. Die Sonne geht a l l m ä h l i g unter; seht ihn, wie l a n g s a m er sich zum Staube neigt, zum Staube, ein Held. kommt, kommt, lasst uns unter sein schwindelndes Haupt einen bemoosten Stein legen; solch ein Kopfkissen geziemt ihm. kommt, lasst uns seinen Leib auf eine schöne Wiese tragen und den Blutstropfen nicht auswaschen, der auf unser Kleid fällt. Es ist edles Blut; der Staub soll sich nicht drin betrinken. Du, grasreiche Wiese, Lager für Helden, du verstehst diesen Trank, du trägst Blumen für Helden, womit sie bekränzt werden, wenn sie den Frieden auf schwarz gewordenen Händen heimtragen. – Er richtet sich auf – kein Ach, das kann kein Held aussprechen. Was ist's denn, was? Seine Zunge ist gelähmt, er kann nicht mehr, er wollte – – S i e g ; Krieger, die Deinen haben g e s i e g t ! Ha, wie er lächelt! Seht ihn, den G r o ss e n ! eh' euch Engel verdrängen, denn die müssen zu solch einem Anblick herabstürzen; sie haben solcher nicht viel. Sieg, H e l d , Sieg! Gott, so ein leichtes Wort kann er nicht mehr aussprechen; gern wollt' er's. Aber hören kann er's; schreit, Brüder: Sieg! Sieg! Er lächelt wieder und – stirbt. O glücklicher Halm! o glücklichster, auf den der letzte Tropfen fiel, auf den er noch warmes Blut taute! Wie schnell wirst du wachsen und alles übersehen, was rings um dich steht und grösser zu werden droht! – O glückliche Männer, auf die noch der letzte Strahl aus seinen Augen schoss! wir hätten die Altarlichter dran anzünden können, so feurig. Er stirbt – ich wollte weiter singen; kann ich? kann ich mehr? Er stirbt, er stirbt! ist alles, was ich sagen werde, bis auch ich sterbe. Das erste und letzte vom Menschen ist das beste. Ich habe viel gesehen, sah ihn, wie er geboren ward, sah, wie er starb; ich hab' ihn ganz! Er lächelte, wie er zur Welt kam; allein er lag so schön nicht, als jetzt, da er starb. Wie schön er da tot ist!