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um sich ihm anzudrängen, wie das Vögelchen sich hier an ihn anschloss. Sie liessen nicht von einander. Fritz sieht mich an. Was siehst du, Fritzchen? Wasich weintesollte ich nicht? "Still, L i e s c h e n ," – ich höre es ihn noch sagen – "still, Lieschen, bleib bei Vater und Mutterchen, ich finde dort auch ein Lieschen, unser Schwesterchen, dort, wo der liebe Gott seinen Himmel hat, der besser als seine Erde ist, auch wenn Felder und Wiesen voll sind. Hilf ihn bitten, sehr bitten, den lieben Gott, dass er mich in den Himmel nimmt, und auch mein Vögelchen hinein lässtuns beide für einen. Du bist ein gutes Mädchen, der liebe Gott tut dir's gewiss zu Gefallen."

Fritz sah gegen Himmel, das Nachtigallchen auch; Fritz seufzte, das Vögelchen sang noch auf, und jedes neigte sein Köpfchen auf die Brust und jedes starb. O wenn sie noch lebten! wenn Bruder Fritzchen noch lebte! Dort leben sie beide, Fritzchen und sein Nachtigallchen. Was kommt's dem lieben Gott auf ein Plätzchen für ein Nachtigallchen an?

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In das kleine Gesträuch jenseits des Flusses kam ein Sturmwind aus dem Flusse. Der Fluss erschrak und lief was er konnte. Der Sturmwind fuhr durch's Gesträuch rasselnd, wie ein vornehmer Prinz, und riss mir meinen Blumenkranz vom geflochtenen Haartürmchen; ich griffweg war das Kränzchen! ich lief nachweg, weg! – Wer ist so geschwind, wie der Wind? Da kam Hans, mein Herzlieber, und Peter, der was beim Junker giltbei mir gilt Peter nichts. Sie sahen mich im blossen und liefen suchen alle beide. Findet Hänschen den Blumenkranz, gern nehme ich ihn und setze ihn auf und trage ihn, solange noch ein Blumenblättchen lebt, und freue mich, dass mich der Wind im blossen gelassen. Wenn e r doch fände. Aus P e t e r s Hand nichts, rein nichts, auch nicht einen Kranz, der mir gehört und den ich mir zusammengepflückt; nichts, nichts, wenn er auch gleich beim Junker gilt, und viel gilt.

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Da bin ich über'm wasser und Mutterchen ist jenseits. Es ging schwer ab, wie wir Abschied nahmen, und nun ist's mir noch schwerer, da du jenseits des Wassers bist, am schwersten wird's sein, wenn ich dich nicht mehr sehen kann, o du liebe, liebe Mutter! – Nochnochnochstehe dochstehe doch nur noch einen Augenblick. Weg ist sie! und ich? – O gutes Mutterchen, ich in der weiten, lang und breiten Welt, erst bei dir, nun in der weiten, pfadlosen Welt. – Es muss geschieden sein. – – Nun höre ich dich nicht mehr beten, nun sehe ich dich nicht mehr weinen; nun rufst du nicht mehr: L i e s c h e n ! wenn der Tisch raucht, L i e s c h e n ! wenn du reife Beeren findest, L i e s c h e n ! wenn du eine Quelle am schwülen Mittag entdecktest, die von der Sonne nicht gefunden war. Ich armes Lieschen! Diess Wellchen kommt von mir, liebes Mutterchen, und bringt ein Tränchen mit von mirvon mir. Siehe es an, es wallt zu dir; sei ihm gut, dem Wellchen, es kommt von mir. Da bin ich, arme Waise, allein, ganz allein! Mutterchen weg, alles weg, alles! – Das Sternchen dort obenwie es mich anblitzt! Willkommen! dich habe ich auch in unserm Dörfchen gesehen, du sollst Muttersternchen heissen. Es war das erste, was ich wieder aus unserm dorf sah. Ewig sollst du, ewig Mutterchen heissen, solange ich sehen kann, soll es Mutterchen heissendiess Sternchen, eine Spanne lang vom mond. Nenne auch du ein Sternchen: Lieschen, nenne es Töchterchen, o du gute Mutter jenseits des Flusses! – Gottlob, wieder ein Bekannter, der Kukuk, und eine gute Freundin, die Nachtigall. Mutterchen, lebe wohl jenseits des Wassers! Dich habe ich nicht, kein Mutterchen habe ich, doch bin ich nicht mehr in der Fremde. Ich habe ein Sternchen dort oben, den Nachbar Kukuk und die liebe Freundin, die allerliebste Nachtigall.

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Schilt nicht, strenger Vater, dass ich bei Hannchen gewesen; schilt nicht, Vaterchen, ich bitte dich. Sieh in den Stall, deinen Liebling, den Schwarzen, habe ich gefüttert. Sieh, das habe ich schon so viele Jahre getan und das werde ich auch so viele Jahre tun, als dich Gott leben lässt und den Schwarzen. Ich streue mit glücklicher Hand die Saat und schlage das Getreide wie ein Gewappneter. Warum schiltst du? Du hast vergessen, was l i e b e n heisst, sonst würdest du wissen, wie mir wäre, wenn ich zu haus bliebe. Immer wünsche ich, wenn ich hinreite und wenn ich wieder komme: Wenn es doch Nebel wäre, dass er nicht sähe, der strenge Vater; und wenn auch Nebel ist und wenn ich's auch noch so leise mache, was kann ich dafür, dass der Braune wiehert und sich