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es von mir, dass ich's dachte, wie bald muss ich bei M a s c h e n sein! drei Jahre älter als sie, wie bald muss ich bei ihr sein! O, wär' ich gestorben vor dir, liebe Maschevor dir! O wär' ich vor dir gestorben und du gleich nach mir; denn wenn lebe, würde' ich ein Bösewicht sein und nie zu dir in den Himmel kommen.

Ach, dass sich Gott erbarm'!

Nun bin, nun bin ich bettelarm!

nicht, wie mir meine Tochter starb, die einzige, die mir mein Weib gleich das erste Jahr nach der Hochzeit schenkte. Das nenn' ich ein Heiratsgut! Masche brachte nicht Geld, nicht Gut; allein sie brachte mir mehr als Geld und Gut, mehr als ein Herzogtum: r e i n e s H e r z u n d r e i n e n M u n d , und nach weniger als einem Jahre ein T ö c h t e r l e i n – das nenn' ich H e i r a t h s g u t ! So was kann nur der liebe Gott mitgeben. Es war ein hübsches Kind, ihr Töchterlein, mein Töchterlein, unser Töchterlein! Wahrlich, u n s e r Töchterlein! Man durfte sie nur sehen, halb meine Seele, halb Maschens, halb mein Leib, halb Maschens. Es war ein Drittes von uns Zweien. Als diess Mädchen geboren ward, war sie weiss wie S c h n e e und hatte Aederchen wie V e r g i ss m e i n n i c h t ; aber sie scheute nicht Gottes Wetter, so strich es sie braun an. Weisse Scherung und brauner Einschlag, allerliebst! Geschwind wie der Wind lief Lottchen bei Sonne und Mond; nicht Hitze, nicht Kälte scheute sie. Am liebsten brachte sie den Leuten Essen aufs Feld, und die Leute, so hungrig sie hen sollten. Sie assen ohne Augen, die Augen brauchten sie, L o t t c h e n anzusehen. Es lag nicht an M a s c h e n und mir, dass wir nicht mehr Kinder hatten; am lieben Gott lag es, der am besten weiss, was jedem dient. O du lieber Gott! L o t t e starb im ersten Kindbett. Alles weinte, nur ich konnte nicht weinen; so ging's mir ans Herz. L o t t e starb, doch zum Trost liess sie mir ein anderes L o t t c h e n , ihr Wesen.

Ach, dass sich Gott erbarm'!

Nun bin, nun bin ich bettelarm!

nicht, wie mein Schwiegersohn starb, der brave Junge! Er ward mit Lottchen erzogen, und sie waren im fünften Jahre schon Mann und Weib. Gern sah ich's, dass sie G r e g e r nahm, obschon er nichts hatte. Er war gut, und das ist mehr als alles, wenn man bei allem nicht gut ist. Schön war es zu sehen, wie sich die jungen Leute liebten. Hätten sie sich nicht so abgezehrt, würde' ich sie so bald noch nicht haben Hochzeit machen lassen. So was Gieriges im Auge, als die Leutchen zeigten, hab' ich noch nie gesehenman bekam Appetit, wenn man ihren Hunger und Durst nach einander sah. Er starb vier Wochen nach ihr. Wer ihn kannte, weinte über seinen Tod; ich aber freute mich, da er starb, und lobte Gott; denn er starb zu seinem Glück. Ohne sie hätt' er nur getan, hände zitterten und über seine Füsse fiel er; drum tröstete ich mich darob und sagte wie der Pastor: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobet! Sie schlafen zusammen in einem grab, und es kostete mir was, es dahin zu bringen, dass sie in seinen Sarg gelegt ward. Es war ein Bett auf zwei Personen. Die Leute, die sie handhabten, sagten alle, sie hätte gelächelt und ihre Hand wär' um ihn herumgefallen, als wenn sie gelebt hätte. – Schlaft gesund, liebe Kinderchen, und liebt euch im Himmel!"

Ach, dass sich Gott erbarm'!

Nun bin, nun bin ich bettelarm!

Das Töchterlein meiner Kinder, das sie mir liessen, mein L o t t c h e n , ist tot, ist tot! lieber Gott, ist tot! O ich Bettler! Lottchen ist tot und ich bin es bei lebendigem leib; das ist mehr als tot. Alles totalles totnur ich nicht tot! Sie ist bei ihrer Mutter, sie ist bei ihrem Vater, sie ist bei meinem weib; allein die hatten an einander genug. Was hab' denn ich? was? Seit Lottchen tot ist, oder seit sie begraben ist (bis dahin dachte' ich noch immer, ich hätte sie), seitdem sie begraben und g a n z t o d t ist, ist alles tot für mich, alles bis auf mich! Ich, leider, lebe! O ich armer Mann! Ich, wie Brod ohne Kruste alter Mann! Es stirbt nur, wer leben will. Habt Mitleiden mit mir im Himmel, ihr Seligen, und bittet