, wie ein Jüngling, und kann selbst noch Vater werden, wie es oft geschehen ist. Im siebenzigsten Jahre ist man Kind, oder fängt es an zu werden. Niemand sagt daher sein Alter gern, wenn er in diese Jahre kommt, auch wenn er, in keiner einzigen Rücksicht, Nachteile davon für sich absieht. Der Mensch will durchaus und durchall nicht gern ein Kind sein. Alles, was um ihn lebt und schwebt, kommt so schnell zur Reise, nur er allein ist der Spätling; er ist ohne Ende und Ziel auf Tertia, dann rückt er freilich schnell fort, allein bald sind die Classen aus. Wer zwanzig Jahre gelebt hat, ist hundert alt worden; d a s k ü n f t i g e J a h r h u n d e r t , sagt man. Tor! wie viel sind nicht schon gewesen, was brachte das neue Neues, recht Neues vom Gott deiner Seele und der andern Welt?
"Es muss doch bei den Menschen grössere Uebel geben, als der Tod, weil sich viele den Tod wünschen, um diesem und jenem Uebel zu entkommen. Die Menschen wünschen selbst ihren Lieblingen den Tod, und freuen sich, dass sie durch ihn oft einer kleinen Schmach und Schande entkommen: 'Gottlob, dass er, dass sie tot ist und dass er und dass sie nicht dieses, nicht jenes erlebt haben!' Ist wohl eine Frage, was Alexander lieber gewünscht hätte, mich tot oder mich in buhlerischen Armen? Wie der Arbeiter am schwülen Tag sich sehnt nach Schatten und ein Taglöhner, dass seine Arbeit aus sei (Hiob das siebente Kapitel, der zweite und dritte Vers), so habe ich mich auch gesehnt Tag und Nacht, um zu kommen aus grossem Trübsal. In dieser Rücksicht, in dieser Aussicht, wie gut ist der Tod – und was ist er? Ein Weg über Feld." – – – Diess Leben ist wahrlich ein Jammertal. – Vielleicht wickelt sich diese Welt noch anders aus, wenn sie älter wird. Vielleicht kommt noch Gottes Reich in diesem Leben! Vielleicht dass die Menschen durch so viel Torheit kommen werden zur Wahrheit, durch so viel Abweichungen zum Gesetz des Herrn. Ein Mensch beherrscht den andern. Schrecklich –
"Der Haupttitel, den man der Seele beilegt, ist a r m ; alle Welt spricht, die arme Seele! und woher? Ist sie nicht reicher als der Leib? Der Leib ist, ohne sie, eine Handvoll Staub, und sie ist, ohne Leib, eben das, was sie mit ihm ist."
arme Seele! warum arm? Weil man nicht weiss, wo sie ist? wie sie ist? Doch dieses steht mit der Armut in keinem verhältnis; genug, dass sie ist. – Sie ist ungefähr das im Körper, was Gott, der Herr, im All ist – ungefähr – sie ist Gottes Bild. Sie ist in allem, und durch alles und mit allem, und in ihr leben, weben und sind wir. Vorzüglich nennen wir sie a r m , wenn der Mensch stirbt und die Seele den Leib verloren hat. Leute, die sich einmal an Körpern die Augen verdorben, halten sie für arm, für bettelarm, wie man in der Welt aus dem Kleide Armut und Reichtum beurteilt. Man gibt der Seele ein Körperchen mit, damit sie nur nicht ganz und gar nackt und bloss erscheine. Dann ist sie doch, denkt man, wenigstens im Hemde; allein warum diese Umstände? Bleibt die Seele nicht in Gottes Welt, in Gottes Hand, wo nichts arm ist, als was sich dafür hält?
"Gott, der Herr, arbeitet ins Grosse und ins Kleine. In ihm lebt, webt und ist alles! Wer nicht in seinem Leben einen Zusammenhang findet, auch selbst, wenn er es nicht dazu anlegt, hat nicht an Gott und nicht an sich gedacht. – – Wir können nicht den Vorhang vor der Zukunft zerreissen. Bei unserm tod zerreisst er, wie beim tod Christi der Vorhang vor dem Allerheiligsten. Wahrlich, die Zukunft ist das Allerheiligste! Wer kann das Triebwerk der Schöpfung leiten? Auf Gott aber können wir uns verlassen."
Eine selige Empfindung! – Der Meister drückt seinem Werke seinen Namen ein, nicht ohne Schamröte, wenn er ein ehrlicher Kerl ist, und wenn er auf die kleineren Gelegenheiten zurückdenkt, die ihn zu dem Meisterstücke brachten. Darum, und nicht aus Affektation, sollten grosse Künstler auch ihren Namen nur so hin – werfen und Gott die Ehre geben, ihrem Obermeister ihre Arbeit weihen und zueignen. Wer gab ihnen Handwerkzeug und Materie? wer Zeit, Ort und Umstände? Selbst das Formale gehört dem Obermeister. Ist es denn Wunder, wenn das Werk so sehr über den Stand des Künstlers ist, dass es länger lebt, wie er, und dass jeder eher darnach greift, als nach ihm? Des Künstlers Verdienst in dieser Welt ist ein Kunstgriff, ein Griff nach gutem Stoff zu seiner Arbeit, nach einem guten Reissbrett in der Werkstube Gottes, nach guten Zeichnungen, die ihm die natur darreicht. – – Doch, wo gerate ich hin? Ich sollte mich begnügen zu sagen: Gesegnet ist der Mann, der sich auf den Herrn verlässt!
Eben habe ich einem Freunde im Ganzen Minchens Gedanken, in Gretchens Abschrift, vorgelesen. Seine Aufforderung, diesen Aufsatz entweder ganz oder gar nicht