!), so wird er einsehen, dass sie über alle Gewalt erhaben sei, und sie eben darum vielleicht hochschätzen lernen. Möchte er es doch!
Ihnen, mein Vater, wünsche ich Gottes Gnade und Segen. Es gehe Ihnen wohl, sehr wohl! Unser Leben ist kurz; Sie sind älter als ich. – Was ist doch die ganze, ganze Welt, wenn's zum Sterben geht? – Sollte es Ihnen in dieser Welt noch fehlen, sehen Sie meinen Geliebten als Ihren Freund an, der Sie nicht verlassen, noch versäumen wird. Ich empfehle mich Ihrem Andenken. Meine Mutter werde ich von Ihnen grüssen, und wie froh werde ich sein, Sie, mein Vater, einst dort wieder zu finden und meiner Mutter diese feste Hoffnung zu geben. Es wird ihr, das weiss ich, eine grosse Freude sein. Leben Sie wohl, leben Sie wohl! – – ewig wohl!
Der Brief an ihren Bruder Benjamin ist eine Wiederholung ihres von ihm genommenen Abschieds, da sie in – – sich schieden, und der Uebergabe und Einweisung in Rücksicht aller heiligen Orte, unter denen das Grab ihrer Mutter das vornehmste war. Sodann die Eröffnung, dass sie mich auf seinen Todesfall in dieser Aufsicht substituirt hätte; und auch im Leben, schreibt sie, wird er dich unterstützen. Er liest diesen Brief, den ich ihm offen lasse.
Ich lernte die Predigerin den Tag nach meiner Ankunft kennen; ihn, glaube ich, kennen meine Leser ohne meine Nachhülfe. Er war ein ehrlicher Mann und wollte nichts mehr, allein auch nicht weniger, als ein Prediger sein. Seine Stelle war nicht die vorzüglichste, indessen warf sie so viel ab, dass er leben konnte. Mehr, sagte er, bedarf ich nicht. Er hatte zwei Söhne, welche der königliche Rat als die seinigen in Königsberg erzog. Gretchens Brüder gingen in eine der besten schulen, sie sollten beide Geistliche werden. Unser Prediger war kein Kipper und Wipper. Er verfälschte und beschnitt nichts, sondern liess alles, wie es war, unumgeschmolzen beim alten Schrot und Korn. – Die Bibel, sagte er, ist an sich schon eine lautere und vernünftige Milch. Wer die Bibel anders, als aus der Bibel erklärt, ist ein Mietling. – Schon seit fünf Jahren hat er an einem Werke ü b e r d i e S ü n d e w i d e r d e n h e i l i g e n G e i s t gearbeitet, woran er mich nach Minens Begräbniss nähern teil nehmen liess. Er wollte seinem Bruder eine unvermutete Freude machen und ihm diese Schrift zueignen. So weit ich den Bruder kenne, konnte ihm mit einer Zuschrift über ein Werk von der Sünde w i d e r d e n h e i l i g e n G e i s t n i c h t sonderlich gedient sein.
Seine Frau? Bei ihrer Einbildungskraft war der Zaun gebrochen, sagte der Prediger, und traf sie vollständig. Sie hatte viel Gutes, viel Herzliches an sich. Sie sah jeden starr an und kam dem, mit welchem sie sprach, ungewöhnlich nahe; sie griff ihn mit ihren grossen, etwas verwilderten Augen. Es liess die Prophetin gleich beim erstenmale so viel Zutrauen gegen mich aus ihren Augen schiessen, dass sich der Prediger und alle, die sie kannten, darüber wunderten. Sie blieb sich die ganze Zeit über gleich, ohne tiefer in ihre Lindenkrankheit zu fallen, die sie indessen nie ganz verliess. Sie hatte eine s c h l e i c h e n d e Lindenkrankheit, sagte Gretchen, wie man d e r g l e i c h e n F i e b e r hat, das auch zuweilen in Heftigkeit ausbricht und nicht immer schleicht.
Gretchen, ein rein und unschuldiges Mädchen, das aus Liebe zu Minen mit dem Deputatus nicht essen wollte. Sie hatte Verstand, allein ihr Verstand lag in ihrem Herzen, oder wenigstens nicht weit davon. Alles, was Gretchen sagte und tat, sagte und tat sie von ganzem Herzen.
Ich habe mit Fleiss meine Leser und mich von Minchens Leiche abgezogen; allein konnte ich sie lassen? Wenn meine Leser scheel über diesen Abzug gesehen, dann, dann erst könnte ich von Glück sagen!
Mine hatte sich mit Gretchen am meisten unterhalten und Gedanken mit ihr gewechselt. Gretchen nahm Stunden bei Minen. Ich weiss nicht, ob ich meinen Lesern einen Gefallen erweise, wenn ich ihnen etwas aus einem Aufsatz ausziehe, den Gretchen, wie sie sagte, Minen nachgeschrieben. Nur etwas:
"Ich habe mich sehr mit mir selbst gestritten, ob ich das Leben verliere; allein in Wahrheit, ich verliere nichts, nichts, wenn ich auch einen Strich zwischen dieser und jener Welt ziehe. Denn hatte ich diess Leben? Höchstens hätte ich es haben können. Hatte ich Alexandern, den Pastor? war ich Frau Alexander, die Pastorin? Ich habe nur Hoffnung, nicht Leben eingebüsst – und (wenn ich den Strich wieder lösche) diese Hoffnung mit jener Hoffnung abgewogen: Sterben ist mein Gewinn und schadet mir nicht."
Wie wahr in jedem mund, und wie rührend wahr in einem sterbenden! – Wer neunzig Jahre gelebt hat, ist im siebenten gestorben und hat sich hin- und zurückgelebt. Wer sich nicht mit Leben überhäuft und zu viel auf einmal gelebt hat, ist im sechzigsten Jahr stark