auf – freilich nur auf wenige Stunden; allein glaube mir, je näher am tod, desto köstlicher die Zeit. Wenn du dich diesem Priesterhause verbinden kannst, tu' es. – Es sind all' zusammen gute, genügsame Leute, die nicht aufs Sichtbare sehen, sondern auf die Erscheinung des Herrn warten.
Schon oft hab' ich gebeten, und ich wiederhol' es noch einmal in diesem meinem letzten Willen, meinem Vater nichts zuzurechnen. Vergib ihm, o Lieber, vergib ihm! so wie du willst, dass mir und dir Gott vergebe. Kannst du ihm helfen, hilf ihm. Meine Flucht kann ihn vielleicht in noch schlechtere Verfassung bringen, als er schon war, da er die Schule aufgegeben hatte. – Vergib ihm und dem v. E. – – so wie ich beiden vergebe. – O es ist eine schöne Sache, zu vergeben. Vergib ihnen alle Leiden, die sie mir gemacht und auch dir. – Du kannst in deiner eigenen Sache nicht Richter sein. Mein Leiden und Tod trifft dich zu nahe; vergib allen alles – den Essig und Galle am Kreuze – sie wissen nicht, was sie tun! Oft denke' ich an den T o d des grössten toten, der uns ein Vorbild liess, nachzufolgen seinen Fussstapfen, und dann bin ich froh über die Kriegsknechte, welche die Widdem besetzten, und über so manchen Pilatus, der nur den Leib tödten kann und die Seele nicht, worunter ich aber den ehrlichen Natanael nicht rechne; denn wahrlich, er tat mehr, als sich die hände waschen. – Sag ihm, wenn du ihn in dieser Welt sprichst, dass ich ihm von Herzen vergeben habe. Seit der Zeit, da er mich schreckte, war es vollbracht, alles vollbracht! Wenn mein Bruder lebt, gib ihm den Brief, den ich deinem grossen, von mir versiegelten Pack beigelegt. Meinem Vater gib auch den seinigen. Kannst du meinen Verwandten in Mitau förderlich und dienstlich sein, sei es. – Gott wird dich lohnen; er segne dich mit reichlichem Segen, mit mehr als einem Segen. Amen! über ein Kleines werden wir uns nicht sehen, und über ein Kleines werden wir uns sehen; ich gehe zum Vater. Diese Worte hat mir der liebe Pastor in L. so eindrücklich gemacht, dass sie mich stärken für und für. Grüsse deinen Vater und Mutter – ich küsse beiden die hände. Gott lass es ihnen wohl gehen, ewig, ewig wohl! – Ich bin matt, sehr matt! – Wenn mein Bruder mir im Himmel zuvorgekommen ist, denke an das Grab meiner Mutter, damit es nicht verfalle, sondern ein Grab bleibe; denke an alle heiligen Orte, von denen ich meinem Bruder geschrieben habe. Ich bin – –, n a h e a m K i r c h h o f e , in die Welt gekommen, in L . n a h ' a m K i r c h h o f e geh' ich aus der Welt. Ich verbiete dir nicht, an mich zu denken, allein tu es nie, wenn du allein bist, sondern im Beisein der Deinigen, damit du stark bleibest. Amen!
Diess ist mein letzter Wille, den du in allen Stücken und besonders wegen meiner f e i e r l i c h s t e n B i t t e v o r G o t t u n d n a c h G o t t erfüllen musst, so wahr dir mein Andenken lieb ist. Nun zum letztenmal Amen! Angefangen früh Morgens, geendigt um sieben Abends den – – 17 –.
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Nach diesem Testament, das sie den Tag vor ihrem tod gemacht hatte, schrieb sie nur noch folgende Zeilen:
Sei gut – ich kann nicht mehr. – Nach diesem Elend ist uns bereitet ein Leben in Ewigkeit, – Heilig, heilig, heilig, ist Gott, der Herr! – Hinauf! hinauf! ich kann nicht mehr! – aber denken, beten, segnen noch – noch – noch! – Lebe wohl, wohl! wohl!
Noch sehr unleserlich und immer i n d i e H ö h e standen die Worte: Ich bin bereit – komm, Herr! – Schmerz – Angst, keine – im Himmel – Lieber.
Wie sehr mich diese Zugabe gerührt hat, ist unaussprechlich – alles himmelan! Sie ist entgangen! Gott helfe auch mir und allen, die seine Erscheinung lieb haben, kämpfen den guten Kampf des Glaubens und den L e b e n s l a u f vollenden. Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!
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Den Brief an ihren Vater, dessen sie erwähnt:
Mein Vater!
Wenn Sie diesen Brief lesen, hat Ihre Tochter alles
geendigt, alles! – Sie hat ausgerungen, ausgekämpft – überwunden. Ihr ist wohl, ewig wohl! Sie ist bei ihrer Mutter in der ewigen Freude und Seligkeit, verklärt und herrlich! Halleluja! – Ich mache dem Herrn v. E. keine Vorwürfe, und habe meinen Geliebten gebeten, auch keine zu machen, sondern ihm alles zu verzeihen, so wie ich alles dem Herrn v. E. verziehen habe und jetzt mit sterbender Hand verzeihe. Wenn ihn mein Tod auf den Gedanken bringt, dass die verfolgte, unterdrückte Tugend den grossen Vorzug habe, sterben zu können (wahrlich, ein grosser Vorzug