– Im Leben und im Sterben bin ich dein, und ewig dein! dein! dein!
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Wieder Minchens Schrift aus Gretchens Händen:
Ein Testament, lieber Junge, ist mir von jeher was Feierliches, eine Herzenslust, eine Seelenwonne gewesen. Schon längst hab' ich darauf gedacht, dir eins zurückzulassen. Wo ich nur dazu kommen konnte, las ich Testamente, und wie sehr freut' ich mich, wenn ich eins gelesen hatte, dass die Leute oft in ganz gesunden Tagen bedenken, dass ihr Leben ein Ziel hat und dass sie davon müssen. Heute will ich mein Testament machen. Ein Testament in meinem neunzehnten Jahre! – So winkt Gott manchem am trüben Abend seines Lebens, manchem am heitern Morgen. – Komm, Herr, ich bin bereit!
Im Namen Gottes.
In deine hände befehl' ich meinen Geist, treuer Gott und Herr! Wenn mein Haupt sich neigt, wenn mich nichts mehr erwärmt, wenn die hände saftlos dahinsinken und der Puls, statt zu schlagen, zittert, als ob er selbst vor dem Tod erschrecke, sei nicht fern von mir, Gott, meine hülfe! Sei mir nicht schrecklich, mein Gott, in meiner letzten Not! Ich harre dein. Längst hab' ich den Tod kennen gelernt, denn ich bin schon viel und oft gestorben, wenn ich aber zum letztenmal sterbe, o Gott, hilf mir! Wenn ich heimfahre aus diesem Elend, sei mein Herr und mein Gott. Amen! Amen!
Dich, herzlich Geliebter, bekenn' ich sterbend als den meinigen! – Ich beschwöre dich, dass du über meinen Tod nicht trauerst, wie die, so nicht glauben eine Zusammenkunft der Auserwählten zu Gottes Rechten, und dann Freud' und Wonne in Ewigkeit vor dem Angesicht des Herrn aller Welt! – Ich setze dich zum Erben ein alles dessen, was ich habe. Es sind Sachen, die du in deinen Händen gehabt; eben hierdurch hast du sie für mich geweiht. Nach unserer Trennung hab' ich auf nichts neues gedacht. Mache mit diesen Sachen, was dich gut dünkt. Ein Stück gib meinem Vater zum Andenken, wenn er's will; ich glaube', er wird wollen, und ein Stück behalte deiner Mine zum Andenken. Wenn eine Träne auf diess, dein Lieblingsgewand hinfällt (Gott lass sie sanft wie Tau fallen!), hast du genug Leid getragen um deinen toten – und hiermit nehm' ich von dir, als meinem Mann, Abschied. – Ich danke dir für deine eheliche Treue, du hast mich herzlich geliebt. – Habe Dank, mein Seelenmann, für alles Gute, das du an mir getan; für deinen treuen Unterricht, für dein Beispiel, für alle, alle Proben deiner Liebe! – Gott lohne dir für alles zeitlich, geistlich und ewig! Meine Sinne sind ausgetrocknet. Fast hab' ich keine Tränen mehr, um diese Wünsche zu begleiten. – Da quillt eine empor! sie sei dir zum Segen geweint, Amen! Nun meine feierlichste Bitte, mein Beschwur. – Ich bitte dich vor Gott und nach Gott, ich beschwöre dich bei allem, was heilig ist im Himmel und auf Erden, und nach diesem hohen Schwur – bei meinem letzten, letzten Seufzer, bei meinem letzten Todesstoss, bei meinem letzten warmen Hauch – dich zu seiner Zeit ehelich zu verbinden! Gott segne dein Weib und die Kinder, die sie dir schenken wird! Wir sind geschieden, Gott hat uns verbunden und geschieden, der Tod bringt uns den Scheidebrief. Von diesem Augenblick an, da ich dieses schreibe, bist du nicht mehr mein Mann. Das letztemal nenn' ich dich meinen Mann, o Gott, das letztemal! – Und von diesem Letztenmal bist du nicht der meinige, sondern der Mann deines künftigen Weibes. Wenn dir ein Sohn stirbt, schreckliche Ahnung! sei er mein in der andern Welt – ich will mich mit ihm verbinden, wie sich Engel Gottes verbinden, und deine himmlische Schwiegertochter werden. Da kommen dir dann und deinem künftigen weib entgegen ich, meine Mutter, dein Sohn – und lehren dich in der Stadt Gottes die Häuser kennen. Halleluja! Halleluja! Amen!
Ich bat Gott um einen Engel mit Stärkung aus seiner Höhe; er sandte mir seinen Knecht auf Erden, die auch des Herrn ist. Er liess mich essen aus seiner Hand und trinken aus seinem Becher. Es ist bei weitem nicht dein Vater, allein er ist auch ein treuer Diener seines Herrn, nach der Gabe, die er empfangen hat. Seine Tochter Gretchen drückte mir den Kopf zusammen, wenn er auseinander fallen wollte, eh' es Zeit war – und seine Frau, man sagt, sie sei schwermütig, allein ich sage, sie ist entzückt, sie hört und sagt Worte, die übermenschlich sind. – Sie war mir als eine Gereisete, die zu erzählen wusste, wie's dort zugeht. – Der Mann sanft, wie Johannes, den der Herr lieb hatte – sie eine Hanna.
Er hat mich getröstet, da nichts mehr Mark und Bein erquickte, da kein Trunk mich labte, und das wasser selbst, wie's der liebe Gott gibt, mir schal schmeckte – ich durstete nach dem wasser des Lebens. Bald, bald! – Zehn- und mehrmal war mir der Puls abgelaufen, sein Trost zog ihn, so dass ich's recht merken konnte,