aussprechen und dir die kalte Hand zureichen, wenn du auch nicht da bist. Deinen Namen will ich mir auch beim Scheiden vorstammeln, so dass ich noch mit der letzten Sylbe bis in den Himmel, bis in die andere Welt lange. Ich werde', ich kann ihn nicht vergessen, auch wenn ich deinen himmlischen Namen erfahre, will ich deinen irdischen nicht vergessen! Ich habe dich sehr, sehr geliebt! mehr als du gedacht, mehr als ich dir gesagt habe und sagen konnte. Meine Mutter will ich dort von dir grüssen und ihr sagen, welch ein guter, edler Junge du gewesen bist bis in meinen Tod. – Gott sei mit seiner Gnade, mit seinem Segen über dir, hier zeitlich und dort ewiglich. Das fühl' ich im Sterben, im Sterben! bei der letzten probe von dem, was gut ist und was es nicht ist. Das fühl' ich, dass eine Liebe, wie die unsrige, eine himmlische Liebe sei. Sie war nicht für diese Welt, sie war nicht von dieser Welt. – Ich empfehle dich Gott und seiner Gnade, der walte über dich. – Wieder schwach – ich lege die Feder noch nicht weg – ich hoffe Stärke. Nein – schwach noch immer, sehr, sehr schwach!
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Noch schwach, allein so sehr nicht, wie gestern. – Gegen Abend bin ich immer matter, so geht's allen Kranken. Der Prediger sagt, dass die meisten mit dem Tage sterben, sie gehen des Abends zur Ruhe. Mir ahnet, dass ich des Morgens sterben und zu meiner Ruhe eingehen werde. – Wie Gott es beschlossen hat. Nicht was ich will, sondern was Gott will. Die Stunde des Todes ist Gottes Sache – ihm sei alles anheimgestellt! Lass mich nur selig sterben! Gott, meine Zuversicht, lass mich vor dir Barmherzigkeit finden, im tod! So wie das Leben ist, so ist das Sterben – bald schwach, bald etwas besser. Ganz gut ist's doch nicht hier, sondern dort. Der liebe Pastor, seine Frau und Gretchen sind gute Seelen. O lieber Gott, wie wird's in deinem Himmel sein, wo dir alles nachmacht und so gut sein will, wie du's bist! Da kommt Gretchen mit ihrer Mutter – ich soll zu Bette gehen. – Gott sei mit dir! – Ich denke' immer, wenn ich zu Bette gehe: wie wird's sein, wenn ich begraben werde? wie? Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand und keine Qual rührt sie an – das tröstet mich. Dieser Trost bleibt auch im Tod unüberwunden. Ich lebe dem Herrn, ich sterbe dem Herrn, im Leben und Sterben bin ich des Herrn!
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Ich habe lange mit mir gestritten, ob ich dir das letzte Stück von meinem Tagebuch, das mit einem g r o ss e n K r e u z e bezeichnet ist, zurücklassen, oder ob ich's mit ins Grab nehmen sollte? Du weisst's, dass ich dir bis an das grosse K r e u z keine Klage über meinen Vater geführt habe, ich wollt's auch jetzt nicht. – Ich stritt lange mit mir, endlich und endlich hielt ich mich verbunden, dir, für den ich kein geheimnis gehabt und haben kann, Rechenschaft von meinem tod zu geben. Im Himmel hätt' ich dir ohnedem so was nicht erzählen können, und niemand weiss es, was ich weiss und was dir dieses Tagebuch sagen kann, ausser Benjamin, und den hoff' ich auch dort zu finden. – Lies und fluche meinem Vater nicht, ich hab' ihm nächst Gott mein Leben zu danken. würde' ich nicht in dieser Prüfung gelebt haben, könnt' ich nicht Gottes Angesicht sehen und ewig genesen. Dort ist mein unbeflecktes Erbe mir aufbehalten im Himmel! Fluch ihm nicht, meinem Vater. Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen. Grausamkeit ist meine Beförderung zur ewigen Ruhe. Mein Leib stirbt je länger, je mehr, und der Geist, sein Freund, nimmt oft mehr hieran teil, als ich's gern sehe. Doch gibt's Stunden, wo ich fühle, dass meine Seele unsterblich sei, wo ich nicht sehe auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare; denn was sichtbar ist, ist zeitlich, was aber unsichtbar ist (o Gott, hilf mir!), ist ewig, ist ewig! Es ist meiner Seele oft so, als wenn man den Kirchturm von dem Orte sieht, wo man hin will. Man denkt, man sei schon da. Ich habe heute mit meinem lieben Pastor wegen des T a g e buches mit dem Zeichen des Kreuzes noch einmal gesprochen. Er nimmt es auf sich, dich zu allem vorzubereiten. – Fluche meinem Vater nicht, fluch' ihm nicht! Darf ich hier eine E i n s c h a l t u n g machen? Diess Kreuztagebuch lag im grossen Pack. Nach einem grossen Kreuze fängt es an:
Ob du je diess Blatt und die Folge dieser Geschich
dass meine Ahnungen so haarklein eingetroffen sind. Wenn noch eine andere eintrifft, sehen wir uns nicht eher, als in der ewigen Freud' und Seligkeit. Wärst du nicht, lieber Junge, in dieser kummervollen Welt, wie gern, wie herzlich gern!