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sieh auf! sieh nur noch einmal auf! Nur noch ein Wort, Mine, nur ein einziges! Der Prediger machte Proben mit dem Odem, wie es schien, und das nicht ohne die Fassung, die eine jede probe erfordert. – S i e l e b t ! schrie er mit einer erprüften Gewissheit, dass ich vor Freude ausser mir war. Es ging so weit, dass wir lebendiges Blut in ihrem Gesicht bemerkten und froh und fröhlich waren. Wir haben einen Gott, sagte der Prediger, der da hilft, und einen Herrn, der vom tod errettet.

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Sie lebt nicht! hin ist hin! – Wir haben einen Gott, der da hilft, und einen Herrn, der vom tod errettet. Dort lebt sie, dort wird sie leben, dort! Ich werde sie eher nicht wiederfinden, als unter den Vollendeten Gottes, die zu seinem Reiche gekommen sind. – Heil denen, die gekommen sind aus grossem Trübsal und die dort rühmen können, dass der Zeit Leiden nicht wert sind der Herrlichkeit, die an ihnen offenbar werde.

O Gott, dieser Lebensstunde, wie viel bin ich ihr nicht schuldig? Diess war der Engel, der mich stärkte. Es war so, als ob die Selige mir Trost eingehaucht und einen himmlischen Odem verliehen hätte. Ich fühlte mich kräftig. Bald, bald werde' ich sein, wo sie ist, bald bei ihr sein!

Durch das eingebildete Leben ward ich lebendig. Sind wir Menschen nicht besondere Geschöpfe? Oft tröstet uns, was uns mehr niederschlagen sollte.

Wir blieben ein paar Stunden bei der Leiche. Der Prediger machte nun wieder Entgegenproben. – Nachdem wir die Leiche verliessen und der Prediger mich, nach seinem selbsteigenen Ausdruck, wie umgekehrt fand, nahm er mir ein Versprechen ab, i h r e Hülle, ihr Erdenkleid nicht mehr a l s n o c h e i n m a l z u s e h e n . – Er machte diess zur Sache Gottes, und ich v e r s p r a c h – und h i e l t . Gott weiss, wie schwer es mir ward.

Ich ass wenig, trank noch weniger. Der Prediger glaubte, dass ich nach so entsetzlichen, sprachlosen Stunden Ruhe nötig hätte. Gott schenke sie Ihnen! setzt' er hinzu. – Wir gingen ein jeglicher in sein Kämmerlein, wie über ein Kleines jeglicher in sein Grab gehen wird am Ende seiner Tageallein welch eine Nacht! – Mein Herz schlug ein anderes Kapitel auf. – Die Verklärte hätte mich ihres Ablebens wegen zuvor mit verklärt; allein jetzt fiel es mir ein: wie kam Mine nach Preussen? Ich Unglücklicher! so nahe bei ihr. Diese Sandkörner wurden mir zu Bergen, ich drückte die Augen zu, um diese Vorstellungen zu erdrücken, allein diess war eben der Weg, noch mehr zu sehen. – Ich sah im eigentlichen Sinne Gespenster. Anfangs fuhr ich auf und nachher wimmert' ichich wusste von nichts, was ich tat. Im Bette hatte' ich nicht Raum mit allen diesen Dingen.

Der redliche Prediger hatte sein Kämmerlein neben mir genommen. Anstatt schlafen zu gehen, zog er also eigentlich auf die Wache, um, wenn es nötig wäre, bei der Hand zu sein. – Der Schlaf floh auch ihn, und es war mir besonders, dass wir alle im haus nicht eher eine ruhige Schlafstunde hatten, so müd' und matt wir auch waren, als bis Mine begraben war. Der Prediger meinte, dass es ein unempfindliches Herz verraten würde, in einem haus schlafen zu können, wo ein noch uneingesargter Mensch läge. Er wenigstens hätt' es, wie er sagte, nie können.

Man bildet sich ein, dünkt mich, zu sterben, wenn man so nahe bei einem toten einschlafen sollte, und fürchtet sich vor dem Schlafedaher die Leichenwachen; oder aus einem andern Gesichtspunkte: man sieht sich selbst tot, wenn ich so sagen soll, bei einem mit Händen zu greifenden Leichnam. Die Aegyptier würden nicht bei einer Leiche haben essen und trinken können, dafür steh' ich.

Wir blieben zusammen. Der Prediger hielt für's dienlichste, mir die ganze Sache so, wie sie war, darzustellen, und in Wahrheit, das ist das einzige Mittel zur Beruhigung. Wenn ein Unglücklicher die Grenzen seines Unglücks wissen will, messt sie ihm gleich ganz und gar zukeinen Strich weniger, ihr macht ihn sonst bei jedem neuen zug unglücklicherihr lasst ihn einen so vielfachen Tod sterben, als ihr Absätze, Rückhalte und Punkte macht; ich selbst kann zum Belege in Rücksicht dieser Bemerkung dienen. Was der lebendige Odem Minens gestern Abends war, das war die geschichte des Predigers heute Morgens. – Gretchen kam, hörte was vorging, und holte mir das Depositum. Da hatte' ich nun Minens Geist in allen Händen. Ewig wert sind mir diese Papiere; wenn ich sterbe, sollen sie mein Kopfkissen im Sarge sein. – Das, so der Prediger besiegelt hatte, war das erste, welches ich las. Aus dem versiegelten Pack wissen meine Leser schon, was mir schien, als könnt' es ihnen wissenswürdig sein. Vielleicht ist ihnen vieles nicht also? Verzeihung in diesem Fall geneigter Leser. Ich hab' es oft, nie aber so sehr als hier gefühlt, wie schwer es sei, mit i