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der Leiche kommen.

Gretchen nahm, um den letzten Willen der Seligen zu erfüllen, ihre Briefe an sich, die sie neben ihr fand. Sie küsste sie und bat ihren Vater, sie zu versiegeln. – Sie lasen beide keine Sylbe.

Der Prediger schrieb an seinen Bruder in Königsberg, mich zu erfragen und mich zu allem vorzubereiten. Er bat ihn, sorge zu tragen, dass ich wohlbehalten nach L– käme. Wagen, Pferde und Vorlegpferde, alles war von dem Testamentsvollstrecker besorgt. Den Bruder bat er nur h a l b , mitzukommen; denn er wusste nicht, dass ich ihn kannte und dass er in Königsberg m e i n B e i c h t v a t e r wäre, so wie er es in L– v o n M i n e n gewesen.

Ich darf, nach diesem Umstande, es meinen Lesern nicht näher legen, dass dieser Bruder eben der königliche Rat, der Menschenleser, war, mit einer offenen, weit offenen Stirn, schwarzem Haar und einem Auge, in dem man ihn zwar im Kleinen, allein doch ganz sah, und dessen Abendgesellschaften aus einem Officier, einem Collegen, einem Prediger, einem Professor und mir bestanden.

Der königliche Rat hat nicht nötig, mich zu erfragen. Er liess mir sagen, dass er gern den Abend mit mir teilen möchte. Ich kam und fand nicht den Collegen, den Prediger und Professor, sondern bloss ihn. – Mit einer Klugheit, die ihres Gleichen nicht hat, bracht' er mich auf meine Liebe, wovon sein Bruder ihm wiewohl nur gerade so viel, als ihm höchst nötig zu seinem Auftrage war, entdeckt hatte. Ich wusste, wo ich war. – Deutlich vermutete ich aus einigen Stellen unseres Gesprächs, dass der königliche Rat von meiner geschichte unterrichtet war. Das Vierteljahr, und noch viele Wochen darüber, waren längst überschritten, ohne dass ich das Tagebuch erhalten. Da ich auf alle meine Erinnerungen und Briefe keine Sylbe erhielt, schlug die Ahnung wie ein Blitz bei mir ein, ohne dass ich mir diese Ahnungsgabe je zugeeignet habe, noch jetzt zueignen darf: "M i n e i s t – – – h i e r !" Wo ist sie, teuerster Herr Rat, fragte ich, wo? Das Feuer, womit ich sprach und womit ich ihm mein Herz völlig aufschloss, erlaubte diesem feinen, sehr feinen Menschenkenner und eben so grossen Menschenfreunde nicht, mir alles zu entdecken. Ich erfuhr nur, dass Mine in L– bei seinem Bruder wäre, dass sie krank gewesen, und dass sie sehr krank gewesen. Ich würde mitobgleich mein Bruder mich nur so, als wollt' er mich nicht, gebetensagte der Ratallein der königliche Dienst

Wie mir war, kann ich nicht schreiben, ich hab' es

selbst nie aussprechen können. – Gleich so, wie ich stand und ging, wollt' ich in den Wagen. – Er versicherte mich, dass ich nicht nötig hätte, mich zu übereilen, und dass es s c h o n b e s s e r mit ihr wäre. Tausendmal wollt' es mir einfallen sie ist tot; allein es wollte nur, ich liess es nicht dazu. Ich stiess diesen Einfall mit allen Kräften fort und bäumte mich so dagegen, dass ich auch wirklich nur kurz vor L– mich davon überzeugte. Wenn ich auf die Gegenstände Acht gehabt, welche mein Lehrer abhandelte, würde' ich freilich nicht bis kurz vor L– ungewiss geblieben seinich hatte, die Wahrheit zu sagen, nicht das Herz, auf diese Gegenstände Acht zu haben. Es waren alles Trostgründe unter fremden Namen; unter ihrem eigenen taugen Trostgründe ohnedem nichts, sie müssen alle incognito kommen. – Ich hatte nicht das Herz, den Fuhrmann eher als kurz vor L– nach Minen zu fragen. Hundertmal wollt' ich und hundertmal konnte' ich nicht. Da griff ich Herz, und der gute Fuhrmann, dem freilich verboten war mit der Tür ins Haus zu stürzen, sagte mir eben alles, da er mir nichts sagte, oder nichts sagen wollte.

Gott! mehr konnte' ich nicht. Der Fuhrmann bot mir ein Glas wasser an, um die Sache gut zu machen, allein ich hatte' es nicht nötig. – Ist's Betäubung, oder was ist eine solche Stärke?

Auf dem Kirchhofe, kurz vor dem Pastorat, ergriffen mich Schauer auf Schauer, und ich fing an zu zittern und zu zagen. Der Pfarrer und seine Tochter kamen mir entgegen. tot, alles tot! sagte ich und hielt mir den Kopf Sie liess Sie tausendmal grüssen, sagte Gretchen, Oft hab' ich darüber gedacht, wie es zugegangen, Gott, welche Scene! – – O Mine! Mine! Mine! Geliebten Leser und Leserinnen, habt Mitleiden Nach einer langen Weile, da ich mit starrem blick l e b t ! Noch diese Minute weiss ich nicht, wie ich zu diesem: S i e l e b t ! kam. – Ich drückte sie fest an mich, und stehe da – – ich fühlt einen warmen Odem. – Der Prediger kam, Gretchen kam, alles mir nach: S i e l e b t ! – Minchen, rief ich, du lebst! du lebst! Steh auf von den toten! Erwach! erwach! du schläfst nur! Mine, Weib meiner Seele!