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besserer teil, mein eigentliches Leben, geht nicht aus, stirbt nicht. – Wenn diese Anfechtungen Minen überfielen, wie es der Prediger nannte, kam es Minen vor, dass ihr letztes, letztes Ende vielleicht schreckhaft werden könnte, vielleicht ein Märtyrertod, so wie ihr Leben ein Märtyrerleben war.

Herr, fahr' hier fort,

Nur schone dort!

rief sie dann zu Gott empor, und ihr Busen hob die Decke, so schlug ihr das Herz.

Geschieht das am grünen Holz, was will am dürren werden? sagte der Prediger bei dieser Erzählung und bemerkte, dass er Minen auf diese Strophe aus dem Liebe gebracht, die er in einer Unterredung mit ihr verloren, im eigentlichen verstand, fügte er hinzu, verloren; denn sie, das weiss Gott, hatte nur mein Trostamt nötig. Ich durfte nicht zu ihr sagen: wache auf, die du schläfst, und stehe auf, um noch so viel in dieser Welt gut zu machen, als du kannst. – – Sie war die Unschuld selbst.

Minens Trost bei dem Gedanken, dass ihr Ende hen würde, war, dass auch diess sein Gutes haben könnte. Das Sterbebette ist weit mehr, als das Grab, die Schule der Weisheit, bemerkte der Prediger. Man erlangt ein anschauendes erkenntnis, wenn man den toten da sieht. Bein von meinem Bein, Fleisch von meinem Fleisch.

Sie nahm ein feierliches Versprechen vom Prediger, mir ihren Tod auf das aller-, aller genaueste zu erzählen. Ist er schrecklich, ist er sanft, wie er war. Alles, alles ihm! Er braucht Lebenslehren; wenn i c h sie ihm zurücklasse, so werden sie ihm, das weiss ich, desto werter sein.

Eines Morgensdie Sonne ging unbewölkt aufwar Mine schwächer als je. Alle Fäserchen verloren ihre zusammenziehende Kraft. Mine empfand diese Schwäche, und diess bewog sie, Gretchen sehr zeitig zu sich bitten zu lassen. Sie bat sie um Licht, damit sie ihre Briefe zusiegeln könnte. Es war das Tagebuch. Sie befahl Gretchen Gott und seiner Huld und Gnade und bat, mich tausendmal zu grüssentausendmal, und mir dieses Pack (sie gab es ihr) und noch andere Sachen zu behändigen. In seine eigenen hände! sagte sie, und eine Zähre floss sanft ihre Wangen herab. – Minens Auge und Herz brach zu gleicher Zeit. Grete konnte nie an diesen Herz-, an diesen Augenbruch denken, ohne bitterlich zu weinen. – Mine erholte sich indessen mit dem Tage, der sich auch erholte. Was sie nach der Zeit schrieb, konnte sie nicht mehr versiegeln. Sie nahm die Verabredung mit Gretchen, diese Postscripte gleich nach ihrem letzten Hauch an sich zu nehmen und sie mir zu geben.

Von ihrem Begräbnisse sprach sie wenig oder nichts. Zuweilen äusserte sie den Wunsch, und auch diess nur beiläufig, unter ihren Verwandten begraben zu werden. Mitten unter ihnenda hat man doch gleich Bekannte bei der Auferstehung um sich herum, sagte sie.

Ich, das bat sie sehr, und es ward ihr heilig versprochen, sollte bei ihrem Begräbniss sein. Vielleicht wünschte er mich noch zu sehen. Der arme! trösten Sie ihn; ich sterbe dem Herrn, unserm Gott, ich sterbe als Alexanders Freundin. Er hat mir geschrieben, dass er gern eine Haarlocke von mir hätte. Wenn er nicht vor dem Haar einer toten zurückbebt, kann er sie nehmen. Gott sei ihm gnädig!

Der Tod grub jede Stunde näher, um Minen ans Herz zu kommen. Sie lebte zwar nach dem dunkeln Morgen noch einige Tage, allein es waren nur noch wenige Tropfen im Kelch. – Sie klagte wenig über Schmerzen: Was ich dulde, dulde ich Gott. Kopfweh, Brustschmerz und ein schleichendes Fieber waren die Zerstörer ihres Lebens.

An einem sehr schönen Morgen kam der Prediger zu ihr. Gretchen war schon da. Sie nahm den Prediger und Gretchen bei der Hand. Dank, Dank für alles Gute! Gott lohne Sie, sprach sie sehr leisefür alles, für alles! – Sie sprach noch schwächer, stammelte, schwieg, blickte sehr schnell auf, sah Gretchen, sah den Prediger an, hob ihr Haupt, fiel zurück, schloss ihre Augen und (Gott, mein Ende sei wie ihr Ende!) starb. – –

* * *

So war die Ahnung der Seligen erfüllt, dass sie des M o r g e n s sterben würde. Der Tag, der letzte Tag für Minen unter der Sonne ging schön auf, und blieb wie er anfing. Gretchen war ausser sich, sie war nicht von der Seligen zu bringen. O, der letzte Tropfen Todesschweiss, schrie sie, wie er da starr steht! Und der Prediger: Gott hat abgewaschen die Tränen von ihren Augen; sie ist eingegangen zu ihres Herrn Freude! – Mir fielen, sagte er, da er mir diesen Sterbenslauf und den Umstand, dass sie ihr Haupt gehoben, erzählte, die Worte ein:

Wenn dieses anfäht zu geschehen, so seht auf und hebt eure Häupter auf, darum, dass sich eure Erlösung n a h t . Die Predigerin, als ob es ihr jemand gesagt hätte, empfand, dass ein Todter in ihrem haus wäre, und ward so unruhig, dass der gute Prediger Mühe hatte, ihr alles auf eine für sie erträgliche Art beizubringen. Er und seine Tochter konnten nicht von