Herzens ausfallen, zu Tagefahrten und Protokollen gelegenheit geben."
"In diesem einzigen Fall kann niemand zu streng sein; allein um andere zu richten wahrlich niemand gelind genug. – Ich besitze nicht Richterkälte, nicht Entscheidungsfähigkeit."
Wenn ihn der Prediger nicht an den Bericht und an den Amtswachtmeister erinnert hätte, er hätte weder Bericht erstattet, noch den Amtswachtmeister mitgenommen, der schon über seine Diäten getrunken hatte und den Natanael ins Geheim, doch wegen seiner durchfahrenden stimme so, dass es jedermann hören konnte, um Lösegeld ansprach. – Natanael liess dem Prediger alle Acten, und bat, zur probe seiner Vergebung und zum Siegel der ihm zugestandenen Freundschaft, diesen Bericht aufzusetzen. Das Promemoria konnte' er so wenig ansehen als G r e t c h e n ihn. Die Predigerin lief noch vor ihm.
Hier ist der Bericht oder vielmehr sein Inhalt, denn meine Leser haben, wie ich selbst zu befürchten anfange, schon zu viel Curialien gelesen.
Es wird die schlechte denkart des Herrn v. E. und Hermanns a u f g e d e c k t und der Gesichtspunkt eröffnet, aus dem dieser ganze Vorgang zu nehmen ist.
"Die letzten Worte der Sterbenden entfernen schon den Begriff des unterlaufenden Betrugs und der Falschheit, und was sollte diese Sterbende, die vielleicht nur noch sehr wenige Stunden in dieser jammervollen Welt zu leben und keinen Transport nach Curland oder sonst eine üble Begegnung zu befürchten hat, was sollte diese Sterbende, welche der Tod gegen alles in Schutz genommen, was sollte sie wohl bewegen, mit Gewissensbissen sich auf der Reise zur Ewigkeit zu beladen und sich eben dadurch ihre Sterbestunde zu erschweren? Dagegen decken die angegebenen Mängel des Protokolls und der Vorstellung, die v. E. eingebracht, überall und besonders an den untertänigst bezeichneten Stellen eine schlechte Absicht auf. Ew. Königliche Majestät kann ich auf meinen Amtseid und bei meinem Seelenheil versichern, dass ich den Eindruck, den der Anblick dieser Sterbenden auf mich gemacht, nie verlieren werde, und wie kann eine person, die mit so erhabener Fassung und der Seelenruhe einer Märtyrerin diese Welt verlässt, sich solcher Laster, als ihr angedichtet worden, schuldig wissen? Der Prediger – hat sich verbindlich gemacht, sogleich, wenn diese Unschuldige im Herrn entschläft, ihren Tod Ew. Königlichen Majestät einzuberichten."
"Ich ersterbe in tiefster Treue
Ew. Königlichen Majestät
alleruntertänigster Knecht
Natanael –."
Meine Leser wissen schon, dass Mine diesen Vorfall zu überleben ausser stand war. Vielleicht wäre sie mit der Zeit so stark geworden, mich noch in dieser Welt zu sehen; o wäre sie's doch! Gott, wäre sie's doch! Jetzt war hierzu keine Aussicht. – Sie selbst sagte zum Prediger, ehe dieser Vorfall sie vollends zu grund richtete: Was meinen Sie, werde' ich nicht bald stark genug sein, Alexander zu sehen, nur ihn zu sehen – in dieser Welt – und dann, dann lass mich in Frieden fahren, ich habe genug! Nimm, Herr, meine Seele! – Der Prediger trug Bedenken, ihr die ganze Anlage des Herrn v. E. zu entdecken, und besonders war er bemüht, einen Vorhang über den Anteil, den Mine's Vater an dieser Mordgeschichte genommen, zu ziehen. – Sie drang nicht weiter – sie war zu schwach, um ihre Bitte zu wiederholen. Wiederholungen derselben Sache kosten allen schwächlichen Personen unglaublich viel. Sie sah des Predigers Bedenklichkeit und tat ihren Mund nicht auf. – Ihr ganzes, ganzes Leben war Duldung. Sie war nur ein Zögling für eine andere Welt. Diess empfand sie, wie mir der Prediger auf das heiligste versichert hat, so sehr, dass sie diese Welt nur wie die e r s t e E r d e ansah, aus der sie versetzt würde. "Sie war froh in Gott" – des Predigers eigene Worte – "und sich selbst bis auf Fälle von der Art, wie der Tod ihres letzten Verwandten und die Veranstaltung zur Haft, immer gleich – das heisst, Gott ergeben. Solche ausserordentliche Fälle schienen ihren Geist in der Hoffnung der Künftigkeit zu verstärken, allein ihren schwachen Körper führten sie im Triumph. Ihr Geist war willig, das Fleisch schwach. Die Gottesfreude ist von Dauer, sie ist sich gleich, sie jauchzt, sie lärmt und kreischt nicht, wie die Weltfreude, die mit aller ihrer Lust oft nach v i e r u n d z w a n z i g S t u n d e n v e r g e h t . Wer den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit. – Fast möchte' ich sagen, dass die Gottesfreude niemals im Gesicht läge, sie liegt tiefer und im Herzen. Zuweilen erhebt sie sich bis zum Auge, und das sieht dann erst gegen Himmel, eh' es um sich herumsieht. So eine G o t t e s f r o h e war Ihre Mine. Sie dankte dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich. – Freuen und fröhlich müssen sein in Gott, die nach ihm fragen, und die sein Heil lieben, immer sagen: Hochgelobt sei Gott!"
Der Prediger setzte zu diesem allem etwas hinzu, worauf ihn M i n e g e b r a c h t h a t t e : "Die viel beten, sind nicht froh, sie verklagen den lieben Gott bei ihm selbst