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gesund aus dem Kirchenhause gekommen, welches schon ohnehin in aller Form ein Lazaret war. Er ass den Mittag beim Prediger. G r e t c h e n wollte nicht mitessen; der Prediger musste es verlangen. Sie kam, allein sie konnte den Deputatus nicht ansehen. – Die Predigerin hatte sich über alle Erwartung ziemlich erholt. Der arme Rechtsgelehrte konnte nicht essen, nicht trinken. Er war unlängst an das Collegium wegen seines bekannten D i e n s t e i f e r s , der ein anderes Ding als D i e n s t v e r s t a n d ist, gekommen, um die Schwachen und Kranken und zum teil entschlafenen Mitglieder dieses Collegiums wieder herzustellen. – Seine Unbekanntschaft mit seinem Kreise trug viel zu dieser Uebereilung bei. Bei Tische überfiel den Bussfertigen und Zerschlagenen der Gedanke, sein Amt in die hände der Obern zu legen. Er hatte zu leben. Aus Not durfte er nicht ein Zelote sein und sich vom Diensteifer fressen lassen.

Nachdem ich so übel gerichtet, kann ich, fragte er, kann ich wohl hinfort mehr Haushalter sein? Bei dem Blicke der Unschuld: S i e w u ss t e n n i c h t , w a s S i e t h a t e n , wie ward mir, Gott, kalt unter den Füssen.

Der Prediger suchte ihn von diesem Gedanken zu entfernen, allein er blieb. Wie kann ein Mensch, fing er an, seines Bruders Richter sein? – Bin ich darum gerecht, wenn ich nicht über Dinge strauchle und falle, über die andere straucheln und fallen? Jeder Mensch hat seine besondere Welt, seine besondere Klippe, sein ihm eigenes Fleisch und Blut. – Ja und Nein sei mir genug. Ich will nicht richten, damit ich nicht auch gerichtet werde!

Gott, schrie er, stand auf und brach die hände, der du aller Welt Richter bist, dir stehen wir, dir fallen wir! – Gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht, vor dir ist kein Lebendiger gerecht! Wer kann vor dir bestehen? wer?

Der Prediger versicherte ihn, nachdem er ihn ganz um und um kennen gelernt, dass, wenn je ein Mann den Namen Natanael verdiente, er es wäre. Der heutige Fall sei in gewisser Art Natanaels geschichte. Er sagte in Beziehung auf meinen Herrn und Meister, fügte der Prediger hinzu, wie kann aus Nazaret etwas Gutes kommen? Allein Christus nennt ihn demunerachtet einen Israeliten, in dem kein Falsch ist.

Diess richtete den armen Rechtsgelehrten ziemlich auf, wozu der Umstand einen beträchtlichen Beitrag lieferte, dass Natanael einer seiner Vornamen war.

Seine Heiterkeit war indessen nicht dauerhaft. Er konnte nicht aufhören, sich Zweifel vorzuwerfen. Wenn ich schwiege, fuhr er fort, würden die Steine schreien. Mine's geschichte ging ihm gerade durch die Seele, und doch bat er ohne ende' und Ziel, sie ihm zu erzählen und das erzählte zu wiederholen. Mein tägliches Gebet soll sein, sagte der Bussfertige: Schaff' in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen n e u e n g e w i s s e n Geist.

Er ersuchte den Prediger so oft und viel, sein Freund zu bleiben, dass der gute Prediger herzlich bewegt war. Wahrlich, wer immer mit schand- und lasterhaften Menschen im Gemenge ist, bekommt am Ende ein Inquirentengesicht. Er findet überall a r m e S ü n d e r und S ü n d e r i n n e n , Diebe, Räuber und Mörder. – So unser Natanael, der den Menschenblick eingebüsst und nur bloss diesen blick übrig behalten hatte, den man den Richterblick nennen kann. Dieser Fahnenschwung ist eine defensio ex officio, die ich dem Natanael schuldig bin. – Der Prediger (von dem ich dieses alles haarklein habe) und Natanael sprachen viel von Menschenkenntniss. Ihr Endurteil war, der Mensch soll offen sein; allein er ist unzugangbar. Wer die Menschen leicht findet, hat nicht sie, sondern sich gesucht und gefunden; wer andere richtet, bestraft seine Unart in andern, und glaubt sich eben dadurch weissgebrannt zu haben, wie die liebe Unschuld. – Wer hinter dem Fenster in seinem einsamen Zimmer steht, kann alles ganz deutlich wahrnehmen, was auf der Strasse vorgeht, unerachtet er von den Leuten auf der Strasse entweder gar nicht, oder doch nicht deutlich gesehen wird. Es kommt mehr Licht aus der Strasse ins Zimmer, als aus dem Zimmer in die Strasse.

Alle diese Vorstellungen lösten sich jetzt beim Natanael auf (und damit ich mit der erlaubnis meiner Leser vorgreife), er legte wirklich sein Amt über ein Kleines nieder und ist nicht mehr Richter im volk. Diess Geschäft war sein letztes. – Ich muss eine Stelle aus dem Briefe des Natanael an den Prediger in L-, in dem er ihm seinen Erlass eröffnete, pränumerationsweise hersetzen, ich mag wollen oder nicht.

"Ich lege mein Amt nieder, um dem Herrn zu dienen und auf ebner Bahn zu wandeln. Es muss eine Zeit der Heiligung sein, eine Reinigungsperiodeein Fegfeuerein Selbstgericht, ehe wir vor Gottes Richterstuhl treten. Diese meine Stunde ist gekommenich will mich selbst richten und den Krieg Rechtens mit mir selbst anstellen. Ein schön Stück Arbeit! – Nur bloss auf diese Weise sollen fortan meine Vermutungen, wenn sie nicht zu Gunsten meines