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t . Das glaube ich. "Im Fall sich aber alles den eingesandten Schriften gemäss verhält und angerügte Wilhelmine – – nicht das mindeste von sich abzulehnen in den Umständen ist, was als Rechtfertigung, Entschuldigung, Verteidigung vor den Dingund Rechtsstühlen zu gebrauchen wäre, so muss Wilhelmine – – sogleich dingfest gemacht werden. Zu dem Ende habt Ihr die nächste Garnison von L– zu ersuchen, Euch hinlängliche Mannschaft zu bewilligen, und dieses Requisitorialschreiben Eurem Deputato anzuvertrauen, um davon beim Befinden der Sache, ohne aufhaltende Rückschrift an Euch, augenblicklichen Gebrauch machen zu können. In allen Fällen liegt dem von Euch zu bestimmenden Deputato ob, so genau als schleunig an Uns Bericht zu erstatten, damit in dieser Sache, entweder den Wünschen der curländischen Regierung gemäss, oder anders wie, in alle Wege aber rechtlich, die Verfahrungsart eröffnet werden könne. Das ist unser eigentlicher Wille. Sind Euch mit Gnaden gewogen. Gegeben Königsberg, den – – 17–."

P r e d . Tausend Dank für diese Eröffnung! Und nun?

D e p u t . Und nun werde ich Wilhelminen verhören, sie dingfest machen und nach – – ins gefängnis bringen lassen.

P r e d . Wenn sie aber unschuldig ist? wenn ich Caution einlege? wenn

D e p u t . Kein Wenn weiterSie verdienen nicht, dass man ein einziges von Ihnen hört, damit ich Ihnen gerade aus mein Herz ausschütte und alle wenn es auf einmal benehme.

P r e d . Wenn Sie aber erlauben wollen

D e p u t . Wieder Wenn?

P r e d . Die königliche Landesregierung (um geradezu und ohne Wenn meinem Herzen Luft zu machen) hat nur bedingungsweise die gefängliche Haft verfügt, und dem Collegio nicht überhaupt nachgelassen, die Garnison um Beihülfe anzutreten. Ich weiss also nicht, warum mein Haus belagert ist und ich, wie Jerusalem, an allen Orten geängstiget werde, ehe noch Minchen verhört worden. Sie ist die Ehre ihres Geschlechts.

D e p u t . Und Sie, Herr Prediger, nicht wahr, die Ehre Ihres Standes?

Hier lösten sich die Rätsel, denn der gute Prediger konnte die wohlgemeinten Grobheiten des Deputatus länger nicht tragen. Er duldete, da ihm die Grenzen des Auftrages dieses feuerspeienden Rechtsgelehrten und seiner Spiessgesellen unbekannt waren. Jetzt sah er keine Verbindlichkeit ein, den Deputatus im verkehrten Sinn reden zu lassen, was nicht taugt; und da ihm der Justizrat seine Zweifel entdeckt und der redliche Prediger ihm den U n s i n n von diesem Vorurteil gewiesen hatte, ging Deputatus in sich und hatte nichts weiter in petto. – – Wenn man sich eine geraume Zeit im Cirkel herumgedreht, scheinen die äussern Gegenstände eben dergleichen Bewegung zu bekommen; auch wenn man aufgehört hat, sich herum zu drehen, bleiben die Objecte noch immer in einer cirkelrunden Bewegung in unserm Auge. – So ging es dem Justizrat, bis ihm das Verständniss ganz geöffnet war; und nun? H e f t i g e L e u t e , L e u t e ü b e r H a l s u n d K o p f , kennen nicht die Mittelstrasse, und unser Deputatus war nun wieder so auf das Haupt geschlagen, dass er nicht aus noch ein wusste. Der Prediger gab seiner Gewissensregung, Minen mit eigenen Augen zu sehen, nach. Sie sollen, sagte der Prediger, wie Tomas, alles handgreiflich haben, und ging hin, Minen zu diesem Besuch vorzubereiten. Da der Deputatus sie sah, fiel er zurück. – So hatte er sie sich nicht vorgestellt.

Gott sei mir Sünder gnädig! fing er aus dem Innersten an, sah die abgezehrten hände, die eingefallenen Augen und die l a n g s a m und s e l i g S t e r b e n d e . – Mit einem blick hatte er alles. Er konnte nach diesem blick seine Augen nicht mehr auftun. Das erste war, dass er die Soldaten abgehen hiess, die nicht sehr mit dieser Commission zufrieden waren; auch der Amtswachtmeister musste mit Schanden unten an sitzen und im wirtshaus seine Diäten verzehren. Diess geschah gleichfalls nicht ohne Kopfschütteln. Man sah es dem Peiniger an, dass er gern Ketten und Bande angelegt hätte.

Da stand der Justizrat, wie von Gott verlassen.

Mine wünschte, nachdem er lange vor ihr als Inculpatus gestanden, allein zu sein; er schwur, er könne nicht von dannen, bis sie ihm verziehen hätte. Mein Gott, was ist der Mensch? Ein trotzig und verzagt Ding. Wer kann ihn ergründen?

Der Deputatus weinte bitterlich.

Mine hob ihre halb abgestorbenen hände auf und blickte den Bussfertigen sanft lächelnd an. Ihr blick sagte: S i e w u ss t e n n i c h t , w a s S i e t h a ten.

Er hatte sich vorgenommen, ihr einige fragen, wiewohl ausserhalb der Grenzen seines Promemoria's, zu tun, allein er konnte nicht.

Kommen Sie, sagte der Prediger, damit wir uns nach langem Missverständniss mit Herz und Seele verstehen. Der Prediger erzählte ihm den letzten teil von Minens Lebenslauf, um dem Deputatus die curischen Papiere in einem andern Lichte und überall verborgene Schlangen zu zeigen. Der gute Rechtsgelehrte konnte sich nicht beruhigen, und wenn der Prediger ihm nicht grossmütigst die Folgen verschwiegen hätte, welche dieser Vorfall auf Minens Gesundheitsverfassung gehabt, er wäre nicht