ihm, wir verderben! Er wollte sich dagegen bäumen, allein konnte' er? Ueberall Jammer. – Der Justizrat hielt alles diess für Gewissensaufgährung und wollt' eben tun, was seines Amtes war, da ihn der Prediger bat, so viel Menschlichkeit zu haben und ihm nur eine Viertelstunde Fassungszeit zu bewilligen, und ehe diese abgelaufen, keine Gewalttätigkeit in einem Kirchenhause zu beginnen. Der Justizrat fand Bedenklichkeiten. – Gott, sagte der Prediger, wird Ihnen die Viertelstunde in Ihrem Letzten, in Ihrem Letzten vergelten – ich bin ein geschlagener, ein unglückseliger Mann!
Der Justizrat gab ihm dieses Sterbviertelstündchen mit dem Beding nach, dass der Wachtmeister vor Minens Tür sich lagern könnte. Es war ein erschrecklicher Kerl. Wenn er nur nicht donnert, sagte der Prediger. Das soll er nicht, erwiderte der Deputatus; allein er bedachte nicht, dass ein Segen in dem mund dieses Menschen Fluch wäre. Es konnte dieser Henkerhandlanger nichts als Zeter rufen und Stäbe brechen, und Mörder schliessen und Leitern zum Galgen ansetzen.
Ein Märtyrer würde hier die Standhaftigkeit verloren haben. Seine Geduld würde' ausgerissen sein. – Da stand der Wachtmeister, wie eine Katze vor'm Käficht, und die Soldaten, als wenn hungrige Tiger vor der tür witterten. Des Justizrats Augen glänzten vor Wonne, als hätt' er Gott einen Dienst getan. Er ging auf und nieder, in Erwartung der Dinge, die kommen sollten.
Der Prediger blieb eine kleine Weile im Lehnstuhl, schlug die hände in einander, sprang auf und wandte sich zu seiner Frau. Gretchen, seine Tochter, hatte ihm diese sorge anheimgestellt. Fasse dich, Seele! beruhige dich, willst du mit Gott rechten? sagte der arme Prediger. Harr' auf den Herrn. Die Linden sollen bleiben und deine Tochter soll grünen, wie die Weiden am Kirchengraben. Ich bin nicht in Ketten und Banden. G r e t c h e n ist nicht entführt, sie soll nicht einen Bösewicht, sondern, wenn Zeit und Rat kommt, ihren H a n s e n haben. Hör' auf mit Zeter und Weh. – M a n s u c h t h i e r j e m a n d e n , der nicht hier ist.
Diese herzlichen Trostworte hätten den Justizrat
freilich auf andere Gedanken bringen können und sollen; allein er liess nicht von Catarinens Hand, die ihn leitete und führte auf unebener Bahn, und von der er jedes Wort als baar annahm. Die Sprache des Herzens ist nicht jedermanns Ding. Sie findet sich nicht, wie das G r i e c h i s c h e , nach einem bewährten Sprichwort, und wenn ich mich recht besinne, kann ich nur diese Herzlichkeit den Verliebten zugestehen – wie käme sie an einen königlich preussischen Justizrat, der gemeinhin ein rechtlicher Dominikaner von Haus aus ist? Der gute Mann hatte Mühe, die verstattete Frist unverletzt und unbefleckt zu halten. Welche Frechheit, dachte' er, m a n s u c h t h i e r j e m a n d e n , d e r n i c h t h i e r i s t ! Er dachte' es, bei allem treufleissigen Rückhalt, doch so laut, so laut, eben so überlaut, als es sein marktschreiender Wachtmeister gesagt haben würde. Wie konnte' er bei diesem Gedanken sitzen bleiben? Diese Worte: M a n sucht jemanden, der nicht hier i s t – brachten ihn auf die Füsse, nachdem er bis dahin Platz genommen. "Armes, armes Weib, du sollst glauben! Solch einen Glauben hab' ich in Israel nicht funden. Glauben, was sie anders mit ihren sichtlichen Augen gesehen hat! – Ein feiner Glaube!" Die Ungeduld des Justizrats war unbeschreiblich, sie hatte nicht in der W i d d e m Raum, er ging in Gottes weite Welt mit den Vorstellungen: M e i n H a u s ist ein Betaus, ihr aber habt's gem a c h t z u e i n e r M ö r d e r g r u b e ! Es war das Beste, dass er ging – indessen liess er die Widdem nicht aus den Augen, um zu bemerken, wer zu ihrer Tür aus- oder einging. – Der plötzliche Aufbruch des Justizrats beruhigte die arme Predigerin mehr, als der Zuspruch ihres Mannes. Sinnlichkeit gegen Sinnlichkeit. – Sie ward still, das war ein gutes Zeichen; der Prediger benutzte diese Stille und liess seine Tochter rufen, die das Werk vollenden musste. Er löste sie bei Minen ab, die er stärker fand, als er glaubte. O Mann Gottes, fing sie an, ich soll? oder soll ich nicht in die hände der Menschen? Nein, Sie sollen nicht! antwortete der Prediger; allein sie blieb bei ihrem entsetzlichen: ich s o l l , und konnte sich davon nicht abgewöhnen. – Es ging dem Prediger durch die Seele, sie so leiden, ohne Hoffnung, ohne Zutrauen leiden zu sehen. Er kniete nieder und betete kurz, stark, himmelstürmend. Und nun auf diess Gebet versprech' ich Ihnen, sagte er zu Minen, S i e sollen n i c h t . – Sie blieb still. – Nach der Zeit gestand sie, dass es ihr wieder eingefallen sei, sich selbst das Leben zu nehmen, um nicht ein