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Mine wollte die Communion, und zwar in der Gemeinde, empfangen. – Ich werde, sagte sie, darin schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist, und wie wohl denen auch dort sein wird, die auf ihn trauen, ich werde' einen Vorschmack drin von dem himmlischen Manna finden. – Der Prediger setzte hierzu einen Tag an, und sie empfing die Communion mit zwölf Personen in ihrem Zimmer. – Diese Zahl kam ganz von ungefähr; indessen fiel sie Minen sehr auf. – "Gott, lass doch keinen Verräter unter diesen Zwölfen sein!" Mine gab jedem von ihrer geistlichen Tischgesellschaft die Hand. – Wir sehen uns wieder, sagte sie. Die Danksagung, welche der Prediger aus der A g e n d e nach der Communion las, sprach Mine laut und mit Seelenwonne mit. Die Tochter des Predigers, ein Mädchen von neunzehn Jahren, wollte durchaus sterben, da sie Minen so sterben sah. – Sie war immer um und bei ihr. Mine bat den Prediger nicht, mit ihr zu beten. – Dazu hatte sie keinen Geistlichen nötig, obgleich sie den Prediger sehr gern um sich hatte. Sie sprach beständig mit ihm von Sterbenden, die er zum tod vorbereitet hatte, und freute sich, wenn sie von Leuten hörte, die freudig aus dieser Welt gegangen, und deren Seelen so stark gewesen, dass man ihnen die Vollendung angesehen. – So was, sagte der Prediger, überzeugt. Man sieht in gewisser Art Geisterund so, wie sie sich aus dem Körper herausschlauben, so werden sie sich auch zu seiner Zeit beim Weltgericht aus dem Staube machen. – Wenn Minchen allein war, ging sie im besonderen Sinne mit Gott um. – Von langen Gebeten hielt sie nichtsauch in gesunden Tagen nicht. – Sie war, das sah man, das hörte man, ihrer Sache gewiss. Sie war im Himmel bekannt. Ich habe dort eine Mutter, die mir gewiss entgegenkommen wird, pflegte sie zu sagen, und dann wieder: Ich behalte denselben Gott in Curland, in Preussen, im Himmel! Ich verändere nicht den Beherrscher, sondern nur den Ort. Ich zieh' aus einer Provinz Gottes in die andere. Hier wohn' ich zur Miete und dort werde' ich Eigentümer sein. – Es war rührend, sie sterben zu hören, sie sterben zu sehen.

("O Gott, lehre mich bedenken, dass ich sterben werde, dass mein Leben ein Ziel habe, dass ich davon müsse! Lehre es jeden, der dich liest!")

Auf einmal fiel es Minchen ein, mich noch zu sehen. – Da sie gewiss zu sterben gedachte, sprach sie von unserer Verbindung mit so wenigem Rückhalt, dass sie mich gegen den Prediger ihren Mann hiess. Der Prediger sprach auch von uns wie von Verlobten. Gretchen, die Tochter des Predigers, wusste einen grossen teil von meiner geschichte; nur gegen die Predigerin war man zurückhaltend. – Man liess sie selbst selten zu Minen, obgleich sie sich recht nach ihr sehnte. Sie neigte sich sehr zur Schwermut, und man musste alles entfernen, was diesem Temperamente Nahrung gab. Bei ihren letzten Wochen war einer von den drei Lindenbäumen, die vor dem Pastorhause standen, ausgegangen; diess hatte sie sich so zu Gemüte gezogen, dass vorzüglich jeder Lindenbaum sie gleich zum Tiefsinn brachte. Wenn die Linden blühten, war sie immer in Tränen. Die gemeinen Leute nannten es eine L i n d e n k r a n k h e i t . – Sie fand indessen auch in andern Vorfällen Anlässe zur Traurigkeit und Nahrung für ihre Schwermut. Die gute Pastorin hatte sich eingebildet, dass der Lindenbaum vor dem Pastorat, da er in ihrem Geburtsjahre gepflanzt worden, jetzt ihren Tod ankündige und ihr Vorläufer, ihr Johannes, sein würde. Gewiss hat dieser Baum ihr Leben mitgenommen. – Sie weinte oft am heitersten Tage. – Der arme Prediger, welcher anfangs alle Mittel angewendet hatte diese Krankheit zu heilen, sah wohl ein, dass sie nicht heilbar wäre.

Oft musste er ihr sogar die Bibel wegnehmen. Sie war nicht aus den Klageliedern Jeremiä, den sieben Busspsalmen und der Offenbarung Johannis herauszubringenund im Gesangbuche waren die Todtenund die Abendlieder ihre Sache. "So komm' doch auf einen grünen Fleck!" sagte der kreuztragende Prediger; allein sie blieb wo sie war. – Sie sah in jedem Grün die Linde vor ihrem haus. Es war diesem Baum sein Taufattest, sein Pflanzjahr eingeschnitten, und also wusste sie gewiss, dass sie eines Jahres Kinder waren. – Zuweilen kam die Schwermut der Frau Predigerin bis zu Ausbrüchen. Dann waren ihre Begriffe alle durcheinander.

Was meinen Sie, lieber Pastor, sagte Mine, soll ich ihn noch sehen? Ihre Gründe hatte sie jetzt alle aufgegeben. Der Prediger war f ü r , der Arzt w i d e r . Es war betrübt anzusehen. Sie wollte mit ihrem Arzt darüber sprechen; allein das konnte sie nicht. Sie hatte kein Wort unmittelbar mit ihm gewechselt. Er war sehr hartörigund eines der Hauptübel, die sich bei Minen äusserten, war kurzer Atem und Brustschwachheit. Da man dem Arzt Minens Wünsche ins Ohr schrie, widerriet er. Nichts, setzte er hinzu, was sie angreift! Der erste blick ihres Freundes würde ihr letzter sein. – Die geringste Spannung würde ihre Nerven in Stücke reissen.

Mine war es