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dass dieser Schreck sie mehr angegriffen, als allesindessen half sie sich wieder aus. Jetzt aber war ihr Stündlein vorhanden. – Sie konnte nicht mehr. Sie sank: – o Gott, sie sank! – Es ist, glaubt mir, lieben Freunde, mit Leben und Tod eine besondere Sache. Der Mensch bringt zwar die Ursache seines Todes mit auf die Welter stirbt an seiner Geburtallein man könnte behaupten, dass der Tod immer, wie ein Dieb in der Nacht, immer wie ein Blitz komme, und dass man in gewisser Art jederzeit, und auch alsdann noch plötzlich sterbe, wenn man gleich an einer Lungenkrankheit stirbt. Der Eintritt dieser Krankheit ist alsdann der plötzliche Tod, und sobald diese Sterbenskrankheit eingetreten, sagt, leben wir wohl noch? – Wir hoffen doch? – Wir zweifeln, willst du sagen, und das ist wahrlich kein so glücklicher Zustand! Ein Hektikus, der in der Lebenshoffnung, wie man sagt, am stärksten sein soll, ist er nicht schon immer tot? wenn gleich er dem Arzt entgegen hustet: "heute befind' ich mich so leidlich!" – Was er nicht weiss, ist der Augenblick, da ihn die Welt tot nennt. – eigentlich ist er schon verschieden. – Was dünkt dich, f r i s c h e r J ü n g l i n g , dich, b l ü h e n d e s M ä d c h e n , was dünkt euch, die ihr dieses leset? Wenn euch beim Wort: s i e s a n k , ein Schauder durchs Herz fuhr, denkt daran: so wird auch euer Tod kommen, so wird er eintreten. – Darum wachet, wachet! Jeder, so dieses Blatt liest, alt und jung! Ich beschwör' euch alle bei dem Gott, der an den Tag bringen wird, was im Dunkeln geschah, und der den Rat der Herzen offenbaren kann; ich beschwöre jeden, so dieses Blatt liest, heute, heuteheuteeine gute Handlung im Stillen zu tun; diese Handlung, wenn es möglich ist, vor sich selbst zu verbergendamit sie im Sterben euch Lust zuwehe. Heute, Freunde, heute! folget mirheute noch!

Der Selige war ein grosser Liebhaber vom Vögelsang. Da er nicht mehr ausgehen und ihn im Freien hören konnte, hatte er verschiedene von diesen Sängern im Zimmer. – Ihr Gesang soll mich auch im Sterben nicht stören, pflegte er zu sagen. Es ist der Ausbruch der Freude und der Unschuld, es sind glückliche Geschöpfchen. Seine letzte Verfügung war: seine Vögel nach seinem tod ins Freie zu lassen. Zuweilen wünscht' ich, hatte er hinzugefügt, dass ich ihnen etwas im Testament legiren könnteallein was würde' ihnen ein Legat gegen die weite und breite Welt sein, die ihnen eignet und gebührt. Mine war bei der Erfüllung dieses letzten Willens, den der gute Pfarrer mit sehr vieler Empfindung befolgte. Nach den ersten Begrüssungen an Minen war diess sein Geschäft. Sie brauchen kein Legat, sagte der Prediger, diese Weltbürger. Auf jedem Aestchen ist ihr Bette gemacht. Gott sei mit euch, fügte er hinzu, und liess die Vögel fliegen.

Mine sankder gute Prediger ermunterte sie; allein er ah, dass ihr das Herz gebrochen warsie war nicht mehr. – Sie haben mich sterben gesehen, sagte sie zum Pfarrer. – Das hab' ich, erwiderte er. Der Bote des Friedens liess sie nicht von seiner Hand und bat sie, mit ihm zu kommen. – Dieses nahm sie als Gottes Einladung an und dankte ihm herzlich für das Aestchen, das er ihr anbot. Mine war so schwach, dass sie sich gleich ins Bette legen musste, sobald sie zum Prediger kam.

Lasst mich kurz sein, lieben Leser, ihr könnt fühlen, nicht wahr? Ihr könnt eswie mir ist; wenigstens hier und dort und da. Lasst mich abbrechen, und leset mehr als da steht.

Die Dulderin konnte selbst ihren Verwandten nur durchs Fenster begraben sehen. Da man ihn einsenkte, sank sie ohnmächtig hin, und musste ms Bett getragen werden. – Sie sagte, da sie wieder zu sich selber kam, es wär' ihr im sanften Schlummer so vorgekommen, als trüge man sie selbst ins Grab. – Sie war zuweilen sehr unruhig, und blieb es so lange, bis sie dem rechtschaffenen Geistlichen ihren ganzen Lebenslauf gebeichtet und ihr schwer beladenes Herz gelichtet hatte. – Der redliche Mann stärkte und tröstete sie. Er billigte diese so engelreine Liebe, die lilienkeusche Liebe, wie er sie zu nennen die Güte hatteund was man Minen an ihren gebrochenen Augen ansehen konnte, war da.

Die Absolution des guten Predigers machte Minen munter. Diess kann man auch bei einer grossen Krankheit sein. Man sah, dass ihr Geist heiter war und nicht zu sein aufhören würde, wenn gleich der Körper dahin fiel. – Er war so sehr dem Körper überlegen, dass der Prediger mich versicherte, hiess wäre sein Beweis von der Unsterblichkeit. Ost, sagte er, hab' ich diess gefunden, und noch öfter hätt' ich's finden können, wenn nicht die meisten Seelen im Concurs stürben und von so vielen Schuldnern überlaufen würden, die sie nicht befriedigt, so lange sie mit ihnen aus dem Wege dieser Welt waren.