starr ansah, nun habe ich auch einen Brief in den Himmel. Du weisst doch, mein Lieber, den Brief aus Mitau. – Gott, dein heiliger Wille geschehe! – Nur dass du mich nicht verlässest, wenn ich diesen seligen Weg gehe – und die letzte, letzte Reise tue."
"Lass mich, wenn ich sterbe,
Mit der Schaar der Frommen
Aus Sturm und Wellen kommen
An den erwünschten Ort."
"Wieder ein Wegweiser himmelan, himmelan,
mein Lieber! Ich glaube nicht, dass ich noch weit zum Ziele habe. – Es kann, es kann nicht mehr weit sein!"
"Ich wollte in Königsberg mich mit dem Fuhrmann und seiner Frau abfinden, die Leute hatten mir viel, sehr viel Gutes getan; allein weder er, noch sie, waren zu einem Dreier zu bequemen. Ich schenkte der kleinen Tochter, die nicht von mir liess, einen Kopfputz, und mehr war den Leuten nicht aufzubringen. – Sie hatten mir gar zu essen und zu trinken auf den Weg gegeben, ohne dass ichs wusste. – Mein Gott, was gibt es doch für gute Menschen in der Welt! Diese Güte bewegte mich bis zu Tränen, die, Gott sei gepriesen, sogleich da sind, und mir sehr treue und gute Dienste tun."
Der Prediger in L –, wahrlich ein Mann, der nicht bloss betete, sondern auch arbeitete, der nicht bloss lehrte, sondern auch gab, kam eben von der Erfüllung des letzten Willens des Seligen. Es hatte der Verstorbene verordnet, da er keine Erben hatte, dass sein ganzer Nachlass an das Hospital und die Hausarmen gegeben werden sollte. Der gute Prediger hatte alle die frohen Züge der Armen in seinem Gesicht, die er veranlasst hatte, und so kam er ins Trauerhaus. – Einen Tag eher, und Mine hätte für die bewussten A r m e n in Mitau Anspruch auf diesen letzten Willen machen können. Es war seit undenklichen Jahren keine Nachricht von ihnen in L – eingelaufen, und der Selige glaubte sie schon alle da zu finden, wo er hinging.
"Auch die Hospitalitin," schrieb Mine, "hätt' ein Recht an dieser Austeilung gehabt. Ich prüfte mich vor Gott, ob ich es einem beneidete, auch der es weniger, wie ich, nötig hätte; allein ich bestand in der Wahrheit. – Mein Lieber, ich bin verlassen; allein Gott weiss, dieser Gedanke kostet mir keinen bittern Augenblick. – Keinen einzigen ist der verlassen, der auf Gottes Wegen geht! Wenn mir einfällt: wo Brod in der Wüste? bild' ich mir ein: wenn ich kein Brod habe, werde' ich auch keinen Hunger haben, und das ist jetzt mein unaufhörliches Denken, solang ich bei der Leiche bin – und dann noch ein grosser, über alle massen wichtiger Gedanke ist mein: bald wird mich gar nicht mehr hungern und dürsten – und nicht mehr auf mich fallen Fröste des Schrecks, und keine Flamme der Anfechtung mich mehr ergreifen. Ich fühl' es, Geliebter, innerlich, obgleich mir äusserlich nichts anzusehen ist, es werde bald Amen mit mir sein. – glaube mir, ich bin mehr d o r t , wie h i e r ; ich sehne mich nach meiner rechten Behausung! denn kann ich nicht mit Wahrheit sagen: Ich habe hier keine bleibende Statt gefunden, sondern die zukünftige such' ich? – Bald, bald wird man einen toten heraustragen! – Was sollt' ich mich also grämen und wider Gott murren, der den Himmel ausbreitete und die Erde gründete, und so gross er ist, doch auch meinen Schmerz wog? Warum sollt' ich murren und über die klagen, die den Nachlass meiner Verwandten in Empfang genommen? Da ich den Herrn suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht. – Er liess mein Angesicht nicht zu Schanden werden, da mich v. E. und sein Botschafter sahen. Ich Elende rief, und es hörte mich der Herr und half mir aus allen meinen Nöten. Der Engel des Herrn lagerte sich um mich her und schlug mit Blindheit, die mich greifen wollten. – Du kannst nicht glauben, Geliebter, wie froh ich bin, froh bei einem toten! – Er ist entgangen, ich werde' auch entgehen. – Von ganzer Seele empfind' ich die Worte: Der Mensch lebt nicht vom Brod allein. – Ich habe so wenig Hunger, dass ich noch drei Tage ohne Essen und Trinken bleiben könnte. Ich schmecke und sehe, wie freundlich der Herr ist; wohl dem, der auf ihn trauet!"
Der Pfarrer in L – fand Minen verehrungswürdig. Er sah ihr an, was sie war. Er war mit einem gestärkten Auge zu ihr gekommen. Mit einem Anstande, frei wie die Tugend, erzählte ihm diess liebenswürdige, frische und muntere Mädchen einen teil der geschichte ihrer Reise. Sie blüht wie eine Rose; allein sie fiel auch so hin, wie diese. Indem sie mit dem Prediger sprach, sank sie zur Erde. – – Vielleicht dass sie der teil der geschichte, den sie zurückbehielt, so angriff, vielleicht dass die Krankheit, wie es öfters geschieht, den Ruhepunkt, den sie abgewartet hatte, eben jetzt erreicht, um auszubrechen.
Mine bemerkte zwar, dass die Erscheinung des Herrn v. E. und seines Gesandten ihr ganzes Wesen bebend gemacht, und