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. Der Major hatte mich längst vergessen. Ueberhaupt schwächt nichts so sehr das Gedächtniss, als R e i s e n . Die Majorin gab so viele Umstände an, dass Mine mich vor sich sah. Hätte Kummer und Elend, und vorzüglich der Ueberfall des Bösewichts, da Mine zu Fuss ging, und die peinlichen fragen des Abgesandten, der jetzt in Eisen geschmiedet war, diese arme nicht so sehr zurückgesetzt, ich glaube, die Liebe hätte ihre Gründe, mich nicht zu sehen, überwunden. Jetzt überwanden die Gründe. Wer sieht gern Leute, die man recht zärtlich liebt, wenn man so kümmerlich ist, wie Mine war? Ihre Gründe:

"Die Pastorin nennt mich eine Verführerin! Könnte ich es nicht werden? Und unter welchem Namen sollte ich? unter wessen Schutz? Was würden seine Bekannten von mir denken, von ihm sagen? Wie und wo soll er mich sehen?" Mine, die überall auf Gottes Wegen ging, hatte schon der Majorin gesagt, dass sie keinen Verwandten in Königsberg hätte, und dass sie nach L. wollte. Es war schon unterwegs abgemacht, dass man sie dortin senden würde. Eine gewisse fräuliche Delikatesse, die, wenn sie Schwäche wäre, selbst unserm Geschlecht angenehmer als Stärke ist, gab jedem Gedanken Nachdruck.

"Könnte man nicht denken, ich wäre seinetwegen? – Er kann und wird mich sehen, im Schoosse meiner Verwandtenund sterbe ichin der seligen Ewigkeit!"

Kurz, es ward beschlossen, nach L –. Der Herr Major sagte: Frau, solch ein Frauenzimmer hast du noch nicht gesehen, und die Frau Majorin tat mir die Ehre, Notabene, nachdem mein Andenken bei ihr aufgefrischt war, bei dieser gelegenheit zu bemerken, dass sie solch einen jungen Herrn, als mich, so leicht nicht gesehen hätte. Mitte schrieb: "Diess kam mir so unerwartet, dass ich feuerrot wurde. – Ich freute mich, mein Lieber, so sehr sich Mine freuen konnte!" – Da Mine eine Lust bezeigte, die Stadt zu besehen, so ward den Morgen eine Kutsche angespannt. Die Majorin machte Umstände, mit Minen zusammenzusitzen. Sie wollte gerade über sitzen. Endlich – – Alle Augenblicke, wenn Mine einen jungen Menschen sah, fiel sie zurück. Sie glaubte mich

Den nämlichen Tag nach Tische.

Herr v. G. Ich.

E r . Endlich.

I c h . Ich bin auch heute noch zu beklommen, ich habe noch kein empfängliches Herz für die naturkeinen Hunger und Durstnach ihrer Milch und Honig. Sie nimmt es übel, Bruder, wenn man zu ihr kommt und sauer sieht.

E r . Sie wird dich aufmuntern.

I c h . Das tut sie nicht.

E r . Ihren Lieblingen wohl, und du sitzest ihr im Schooss.

I c h . Wohin denn?

E r . Das lass mir über. Unser ehrlicher Major hat, das weisst du, Ursache, es übel zu nehmen, dass wir nicht schon die Parole von ihm abgeholt. – Ein paar Pferde

I c h . Meinetwegen! Wen senden wir?

I c h . Desto besser.

E r . Zum Major!

I c h . Zum Major!

Wir gingen, nachdem wir uns umgezogen. Schon sahen wir sein rot abgeputztes Haus, freuten uns, unsere Kriegskameraden zu sehen, und fragten einander. – Da begegneten uns ein paar Landleute im Wagen, die uns hineinwinkten. – Wir nahmen diesen Wink entgegenund fuhren ihren Weg nach Hollstein (einem Lustorte bei Königsberg). Warum konnten wir nicht zum Major, obschon wir das rot abgeputzte Haus sahen? Grosse Frage! warum? O Gott, warum? Eine kurze Freude für meine Leser!

Der Weg nach Hollstein ist einer der schönsten, den man fahren kann. Auf der einen Seite wasser, wo Schiffe sich kreuzen, auf der andern die anmutigsten Wiesen. – M a n k ö n n t e , sagte einer in unserm Wagen, um den Wiesen ein Compliment zu machen, Billard darauf spielen!

Ich war blind und taub. Wie konnte es anders? Schon sechs Wochen über das Vierteljahr und kein Brief von Minen!

Mine reiste den andern Tag nach L – zu ihren Verwandten. – Wie sie zum Tor hinaus fuhr, fielen ihr wieder die Worte ein: M a n t r u g e i n e n T o d ten aus der Stadt, der war der einz i g e S o h n s e i n e r M u t t e r . Sie konnte diese Worte nicht los werden.

Mine schreibt: "Mein Weg, mein Lieber, wie du schon weisst, wie ich dir schon tausendmal geschrieben habe, ging himmelan, überall himmelan."

Sie fand ihren Verwandten auf dem Brette. Seine Frau war schon längst gestorben. Müde und matt fiel Mine bei dem Anblick ihres Verwandten in Ohnmacht. Nachdem sie sich erholt hatte und den toten ansah, fand sie eine Aehnlichkeit von ihrer Mutter in allen seinen Zügen. Sie konnte ihr Auge nicht von ihm lassen. Sie selbst:

"Es sei, mein Lieber, dass alle toten eine Aehnlichkeit haben, die im Herrn sterben, ober der Selige hatte, der Verwandtschaft wegen, wirklich ähnliche Züge von meiner Mutter. Mir war es Zug an Zug! – Lieber Gott, dachte ich, indem ich ihn