1778_Hippel_037_199.txt

zu, um diesen Roman sein säuberlich zu endigen. Durch diesen Vorfall war Mine so ausser Fassung gebracht, dass sie nicht einmal Gott danken konnte. – Es war ihr alles wie im Traum. Gross ist, Herr, deine Güte! fing sie zuweilen an, und dann rief sie wieder: Herr! hilf, ich verderbe! Wenn sie sich recht gesammelt hatte, erschrak sie vor sich selbst. – Fast kannte sie sich nicht, so sehr hatte sie sich verändert. – Kurz vor Mitau fand sie sich wieder und rang ihre hände zu Gott. Der dich behütet, schläft und schlummert nicht, dachte sie; in Finsterniss ist er dein Licht! Die dir nachstellen, erschrecken sehr und werden zu Schanden plötzlich. – So dachte Mine und freute sich, dass B i b e l u n d G e s a n g b u c h seit einiger Zeit ihre Hauptbücher, ihre einzigen Bücher gewesen. Dein Wort, rief sie, ist meiner Füsse Leuchte und Licht auf meinen Wegen!

Mine kam nach Mitau. Ihre Anverwandten, die sie bald ausfragte, waren in der traurigsten Verfassung. Sie hatten in der Nachbarschaft einem Cavalier ein Stück Land abgepachtet, und da an den Schaden nicht ausdrücklich im Contract gedacht war, so mussten sie von heller zu Pfennig bezahlen und den Schaden ersetzen, obgleich er vom Himmel kam.

"Der liebe Gott hat's getan," sagten die armen Leute vor Gericht; allein die Richter behaupteten W . R . I . V . R . W . dass dieser Contract ohne den lieben Gott gemacht wäre. – Die Armen! I n d e r W e l t h a b t i h r A n g s t , sagt Christus zu seinen Jüngern, und das konnte man von diesen Armen mit Wahrheit behaupten. Alles, was sie an und um sich hatten, ward ihnen genommen. Sie behielten sich nur allein übrig und die Erinnerung an einen Contract, der ohne den lieben Gott gemacht war. W . R . I . V . R . W . Anstatt, dass Mine also von diesen Armen Beistand erwartete, liess sie ihnen etwas von ihren Sachen. Sie wollt' ihnen auch durchaus von ihrem wenigen Vorrat an Geld die Hälfte abgeben; allein diese Armen erklärten diess für den grössten Diebstahl. Mine musst' ihnen den Sterbenslauf ihrer Mutter (die Verwandtschaft kam von Mutter Seite her) erzählen, und die guten Leute freuten sich über ihre Versorgung. Wer einmal oben ist, o! der ist wohl versorgt! sagten sie beide. Wer weiss, wie nahe mir mein Ende, setzten sie hinzu; auch Mine sagte: Wer weiss! und alle drei freuten sich.

Die unglücklichen Leute hatten einen Sohn, der Pastor an der Gränze war, wie sie sich ausdrückten. Wenn er lieber was anderes wäre, wünschten sie, dann würden wir eher hülfe von ihm erwarten können. Mine befragte sie, ob sie denn schon Proben von seiner Härte hätten? Härte können wir es nicht nennen, erwiederten sie. Er hat sich das Beten statt des Gebens so angewöhnt, und freilich kommt man dabei am wohlfeilsten ab. Hol' doch, sagte er, liebe Mutter, hol' doch den Brief vom neuen Jahr, da ist ein Gebet drin, das ein Kirchengebet werden könnte!

Unser Nachbar, sagte die liebe Mutter, anstatt dass sie den Brief mit dem Gebet holte, welches ein Kirchengebet werden könnte, unser Nachbar hatte eben so ein Pachtunglück; aber wie weit glücklicher ist der! Er hat einen Schneider zum Sohne, der schon alles reichlich mit Zinsen ersetzt hat, was der Vater verloren. – Sag nicht, Mutter, beschloss der Altedu weisst noch nicht, was unsrer tun wird! – geben ist gutBeten ist auch gut. – Nicht wahr, Jungfer Mühmchen? fragte der Alte.

Minchens ehrliche Anverwandten halfen die Sache mit einem preussischen Fuhrmann berichtigen, und da Mine ihren Freunden von ihrer geschichte so viel, als ihnen zu wissen nötig war, entdeckt hatte, blieb die Hauptsache eine geschwinde Abreise.

Minens Verwandte gab ihr einen Brief nach L. in Preussen, neun Meilen hinter Königsberg, mit, wo eine leibliche Schwester des ehrlichen verunglückten Pächters wohnte, und wohin auch Minchen gleich anfangs hindachte. Es sind reiche Leute, sagte er; vielleicht taten sie an uns etwas. – Gott wird es ihnen bezahlen, hier zeitlich und dort ewiglich.

Und Minens Vater? –

Er hatte einen harten Kampf mit dem Herrn v. E., dass er Minen nicht weichherziger, wie er sich auszudrücken beliebte, gemacht. – Dieser Kampf hatte schon, wie sich meine Leser erinnern werden, in Hermanns haus angefangen, und ward noch hitziger fortgesetzt, da Hermann zum Herrn v. E. kam.

Was will die Närrin? schrie er. Nach einer Viertelstunde raunte er diess: W a s w i l l s i e ? dem Hermann ins Ohr.

Um aus der Not eine Tugend zu machen, war Hermann es ganz untertänigst zufrieden, dass Gewalt für Recht gehen und Mine dem Herrn v. E. als ein Schlachtopfer gebunden zu Füssen gelegt würde. Ich hoffe doch, sagte Hermann, dass es alles ehrlich und ordentlich mit Minen zugehen werde? – denn wahrlich, hochwohlgeborner und gnädiger Herr Baron, es ist ein Mädchen, das sterben könnte, ehe man sich es versähe, und