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hatte. – Sie konnte weder die aufgeschlagene Bibel, noch das aufgeschlagene Messer ansehen. – Mit Entsetzen wandte sie ihr Gesicht weg und machte beides zu. Es kam ihr vor, als sähe sie Menschenblut auf dem Messer. Der Ort, wo sie diess Messer gewetzt, machte sie schwindlig, da er ihr in's Auge fiel. – Das Messer warf sie unter Dank und Gebet fort. Gott, sagte sie, lass es nie Einen finden, der es brauchen will, als ich wollte. Sie glaubte hiedurch diesen schrecklichen Vorsatz aus ihren Gedanken geworfen zu haben; allein hierin fand sie sich getäuscht. – D u r c h S t i l l e s e y n u n d H o f f e n , heisst es, w e r d e t i h r s t a r k s e y n ! Wer kann aber, o Gott, wer kann immer stille sein und hoffen?

Während der Zeit war Hermann reisefertig.

H e r m a n n . lebe wohl, Mine.

M i n e . Leben Sie wohl, mein Vaterleben Sie wohl, mein Vater, leben Sie wohl!

H e r m a n n . Was fehlt dir? du weinst ja?

M i n e . Ach Gott!

H e r m a n n . Mine, überdenk alles, überleg! du bist klug! Du jammerst mich! Mine überleg! – lebe wohl!

M i n e . Leben Sie wohl!

Mörder, wo willst du hin? Fürchtest du dich denn nicht, dass die Erde ihren Mund öffne und dich verschlinge, und die Wolken sich trennen und Feuer und Schwefel auf dich regnen lassen? – Du kennst Minen, wie Judas seinen Meister. Der Abend, da du mir die geschichte vom Judenknaben und von den Hühnereiern erzähltest, wird wider dich zeugen, Frevler! Kuppler! Bösewicht!

Mine nahm von ihrer Zelle Abschied, und konnte nicht umhin, noch einmal nach ihrer Mutter Grab zu blicken. Hierbei liess sie es bewenden. Sie befahl Reginen das Haus und sagte ihr, sie dürfe nicht warten, sondern könne nur immerhin zeitig zu Bette gehen, womit Reginen sehr gedient war. Ich, fuhr Mine fort, werde diese Nacht nicht zu haus kommen; und nun ging Mine mit dem Gesang:

So gehen meine Wege

Gewiss zum Himmel ein!

aus ihrem vaterland, und aus ihrer Freundschaft, und aus ihres Vaters haus, in ein Land, das ihr der Herr, wie sie glaubte, zeigen würde. – Ihre Füsse und hände zitterten; indessen fand sie sich durch die Gedanken gestärkt, dass sie den Anschlägen der Bosheit entginund zwei Pferde. Ohne zu fragen, wie und wohin? setzte sie sich auf. Alles verstand sich einander. Der Fuhrmann hatte selbst nicht nötig, die Pferde zu ihrer Schuldigkeit aufzuschreien. Es ging alles seinen gang. Bis hierher hat der Herr geholfen, sagte sie, und fing an freier zu atmen. Sie hätte schlafen können, so ruhig war sie; allein die Dankempfindungen gegen Gott verwiesen den Schlaf aus ihren Augen. arme Mine! du weisst nicht, was auf dich wartetarme Mine! Sie kam in den Flecken, wo Benjamin war. V o r t r e f f l i c h ! dachte sie, und noch ein Vortrefflich dachte sie hinzu, da der Wagen nicht bei der tür des Meisters ihres Bruders hielt. – Alles plangemässnur ihr Bruder Benjamin fehlte. Zwar fand sie eine willige Frau, die sie herzlich bewillkommte; allein ihren Bruder Benjamin fand sie nicht. Anfangs fing sie an zu zweifeln, ob sie Benjamin nach der Verabredung vorfinden sollte oder nicht? Ihr Kopf, das heisst ihr Gedächtniss, hatte sehr gelitten; sie fragte sich, ob Ja oder Nein? und da sie noch mit Ja und Nein kämpfte, fing die gute Frau an: Sie werden sich doch nicht erschrecken? – Die gewisseste Art, uns einen Schreck beizubringen. – Sie werden doch nicht? – Gott! rief Mine und glaubte, sie sei verraten und verkauft.

Nach vielen unerträglichen: S i e w e r d e n d o c h n i c h t , erfuhr die Unglückliche erst, dass ihr Bruder in den letzten Zügen wäre. Noch ehe Benjamin sich legte, hatte er in diesem haus von seiner Schwester geredet, allein bloss vorläufig. Ist es möglich! fing Mine an. Es ist erschrecklich zu lesen, was Mine hierbei ausgestanden. – – Sie zitterte zu ihm hin, ohne an die Gefahr zu denken, der sie sich bloss gab, und da sie an sein Bette trat und seine Hand nahmschlug er mit Heftigkeit auf sie zu. – Was Gewalt? D e n e – wie, Gewalt? Blutund! ich werde dir Gewalt lehren! Gegen Minen Gewalt, du Aftermutter? Er sprang aus dem Bett, und da er sich weder im Guten noch im Bösen beruhigen liess, so musst' er gebunden werden undMine davon Augenzeuge sein!

"Der Meister, der mich ohne Bedenken bei meinem Namen nannte, und sich einbildete, dass ich, bloss weil ich von Benjamins Krankheit gehört hätte, da wäre, erzählte mir, dass Benjamin gleich Freitags, als er zurückgekommen, über Kopfweh geklagt. – In der Nacht hätt' er eine grausame Hitze bekommen,