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zwar, fuhr Herr v. E. fort, das erste Gebot im Katechismus; allein die Liebe hat keinen Katechismus.
Die meinige hat einen.
Herr v. E. war in Anordnung gekommen und hatte
tief vergessen, was in seiner Rolle stand; er extemporirte, ward zudringlich grob, und Mine gab ihm auf eine Art seinen Abschied, dass er mitten im Wort blieb. – Ihre hände riss er an seine Lippen, eine nach der andern, und brannt' ihnen Küsse auf. Mine fühlte in jedem Handkuss das Siegel, das er auf seinen teuflischen Plan drückte, und ein Schreckschauer ergriff sie über den andern. – Seine Handküsse brannten wie höllisch Feuer. Auf einmal fasste sich Mine zusammen und entriss ihm beide hände. – Er zum Hermann, mit dem er heftig sprach. – Im Plane folgte, dass Hermann mitfahren sollte; allein diess unterblieb – und Herr v. E. fuhr allein.
Hermann schien nicht zu wissen, wie er gegen Minen sein sollte. – Er wollt' und konnte nicht. – Mine sank in eine entsetzliche Angst, denn es fiel ihr ein, dass v. E. vielleicht seinen Plan abgeändert, und der Ueberfall noch diesen Abend erfolgen könnte. – Zwar sagte ihr Hermann, dass er morgen nach – reisen würde. Er hätte mich heute schon mitgenommen, indessen sind zu viel Gäste. – Minchens Befürchtungen wurden hiedurch nicht im mindesten widerlegt. Die Art, wie Hermann sich gegen Minen betrug, bestätigte vielmehr ihre Furcht. – Masken über Masken! dachte sie und rang die hände, betete und war in einem unaussprechlichen Zustande. Wende dich, Herr, zu mir nach deiner grossen Barmherzigkeit, und verbirg dein Angesicht nicht vor mir, denn mir ist angst; erhöre mich! Ich vergeh' in meinem Elende! – Wahrlich, sie verging.
Was konnte sie anfangen? Wahr oder nicht wahr, ein Entschluss musste gefasst werden. – Sie schloss kein
Ich bin ja, Herr, in deiner Macht,
Denn du hast mich an's Licht gebracht;
Du unterhältst mir Leib und Leben,
Du kennest meiner Monden Zahl
Und weisst, wann diesem Jammertal
Ich wieder, gute Nacht soll geben
Wo, wie und wann ich sterben soll,
Das weisst du, Lebensvater, wohl!
O Gott, wohin kann die Tugend kommen! Mine n e n u n d s p r e c h e n w i r , sondern: k o m m t u n d g e h t ! Ich will in Gottes hände fallen; er ist gerecht, er ist barmherzig! Sie warf sich zur Erde und betete an, den, der gemacht hat Himmel und Erde; sie bat um Hoffnung der Seligkeit, wenn sie eine Selbstmörderin würde, um Verzeihung, wenn sie in der Art fehle. Sie betete: So du willst, Herr, Sünde zurechnen, Herr, wer kann, wer wird bestehen? Bei dir ist die Vergebung! – Und nach einer Weile: Erforsche mich, Herr, und prüfe, wie ich's meine, wie ich's meine! Sieh, ob ich auf falschem Wege bin, und leite mich, führe mich zurecht auf den Weg zum Leben! Lass, wenn ich irre, Gnade für Recht ergehen, Gnade! Gnade! Wenn diese Hand Mörder an diesem Herzen wird und es durchbohrt – o Gott, Gnade! Gnade! – Allbarmherziger, nimm mich an zu Gnaden und lass mich selig sterben.
Denkt, empfindsame Leser, wie Minen zu Mute gewesen! Sie suchte ein Messer, und musste lange suchen. – Find ich es nicht, dachte sie, kann es Gottes Wille nicht sein. Sie fand! sie fand! – schärfte das Messer, hielt es gegen Himmel, flehte noch einmal zu Gott, versuchte wieder zu fingen, konnte nicht, legte das Messer, das zugeschlagen war, vor sich zur Erde und warf sich auf's Bett. Die Unruhe ihres Herzens war gross. Sie sprang schnell auf, nahm ihre Bibel, riss das Messer auf, und legte es auf die Spruchstelle im ersten Buch der Chronik, im zweiundzwanzigsten Kapitel, im dreizehnten Vers: "Mir ist fast angst, doch ich will in die Hand des Herrn fallen, denn seine Barmherzigkeit ist sehr gross, und will nicht in Menschenhände fallen." Nach einem namenlosen Seelenschmerz, nach einer wahren Todesnot, legte sich Mine wieder auf ihr Bett in Kleidern, wie sie war.
Soll diese Nacht die letzte sein
betete sie
In diesem Jammertal,
So führ' mich, Herr, im Himmel ein
Zur auserwählten Zahl!
Und also lebe' und sterb' ich dir,
Du starker Zebaot,
Im Tod und Leben hilfst du mir
Aus aller Angst und Not!
Sie legt' es nicht an zu schlafen, denn daran war nicht zu denken – sie wollte nur ruhen – auch das konnte sie nicht. Alle Augenblicke sprang sie auf, diess Isaaksopfer! je näher aber zum Morgen, desto ruhiger. Sie fing an einzusehen, dass sie sich vergebens gefürchtet hatte. – Sie war indessen so sehr an Furcht und Zittern gewöhnt, dass auch der helle, lichte Morgen sie nicht völlig beruhigen konnte.
Da kamen Pferde und Wagen nach ihrem Vater, und diese brachten ihr die verlorene Ruhe mit. Mine dankte Gott, der Grosses an ihr getan, der bisher geholfen und alles, alles wohl gemacht