wie glücklich ist man, wenn man tot ist – wie namenlos glücklich!
Er kam ohne Gebet mit den Worten auf die Kanzel:
"Gehe aus deinem vaterland und von deiner Freundschaft, und aus deines Vaters haus in ein Land, das ich dir zeigen will."
Ich zeichnete mir diese Stelle, sie steht im ersten Buch Mosis, im zwölften Kapitel, im ersten Vers; ich zeichnete sie aber heimlich. Ein öffentliches Zeichen, dachte ich, würde mich verraten – ich konnte in einigen Minuten nicht aufblicken. – Wahrlich, Gott redete mit mir durch deinen Vater! Wie er die Worte anfing: Gehe aus deinem vaterland, von deiner Freundschaft und aus deines V a t e r s H a u s e , war's mir, als ob es die ganze Gemeinde nun wüsste, dass ich weggehen würde. Der erste Aufblick, den ich wagte, war nach dem stuhl meines Vaters. Er war leer; kurz vor dem Geläute war ihm was vorgefallen. – Diess stärkte mich; ich sah mich rund um. – O lieber Junge, lass mich noch mehr von der Predigt deines Vaters predigen, die mich so erquickt hat. Gott lindere dafür seine Todesangst, und so wie er mich gestärkt und getröstet hat, so stärke und tröste ihn der Herr, wenn er heimfährt aus diesem Elend; und so wie er die Bande lösete, die mein Herz und meine Augen hielten, so löse auch der Herr seine Bande und mache ihm alles leicht, wenn seine Stunde kommt! Die Glimme Gottes an Abraham war mir ein sicheres Geleit, ein Pass auf meiner Reise, ich war gefasst, getrost – und so heiter, als wäre ich schon angelangt, und wo? Ich ging in meinen Gedanken nirgend anders, als in die selige Ewigkeit, aus meines Vaters haus – aus meinem Vaterland und aus meiner Freundschaft! – Gern hätte ich communicirt, wenn es so angegangen wäre – ich war recht dazu vorbereitet, recht –
Der Text zur Predigt war Ebräer im dreizehnten Kapitel der vierzehnte Vers: W i r h a b e n h i e r keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir!
Alles auf mich! – Du kannst dir deinen Vater vorstellen, der auch nicht in Curland zu haus ist. Er redete mitten durch's Herz. So hat er noch nie gepredigt. Es war Seelenspeise auf den Weg. – Er predigte, als wenn er auch schon den Abend von hinnen ziehen sollte.
Dein Vater führte in seiner Predigt die geschichte vom Sohne der witwe zu Nain an, er erhob seine stimme, und diese nahm sich so heraus, dass jedes aufmerkte. A l s e r a b e r n a h ' a n d a s Stadttor kam, siehe, da trug man einen toten heraus, der ein einzig e r S o h n w a r s e i n e r M u t t e r . – Lukas im siebenten Kapitel, im eilften Vers.
So wenig diese Worte eine Deutung auf mich zu haben schienen, so fielen doch auch diese Worte schwer auf mich, und es war mir als sagte jemand: "Das bist du – du bist die person des Todes!"
Wie kommt das, mein Lieber, wenn es einem so ist, als hörte man eine stimme: Das bist du!
Nach der Predigt ward gesungen aus: B e f i e h l d u d e i n e W e g e , die letzten Verse.
Der Anfang war:
Auf, auf, gib deinen Schmerzen
Und Sorgen gute Nacht!
Lass fahren, was im Herzen
Dir bangen Kummer macht!
Der letzte Vers ist schon längst mein Liebling gewesen, und nach dieser Leichenpredigt auf mich war er's noch weit mehr.
Mach' ende', o Herr, mach' Ende
Mit aller meiner Not –
Stärk' meine Füss' und hände,
Mich allzeit deiner Pflege
Und Treu' befohlen sein;
So gehen meine Wege
Gewiss zum Himmel ein!
O Lieber, das Amen, welches dein Vater sagte, war
ein Amen für alle, allein für mich besonders – für mich! Es war ein Wink für mich, in diesem Gotteshause Abschied zu nehmen, wo wir unser Glaubensbekenntniss vor dem Altar ablegten, und auch oft zu Gott in der Höhe schwuren: W i r w e r d e n u n s l i e b e n , b i s v o r d e i n e n T h r o n ! – O Gott, dieser Abschied war mir rührend, und wie rührend aus Nro. 5 zu gehen, wo ich so oft gesessen, wo ich so oft einen überzeugten Mann Gottes Wort reden gehört, wo ich so oft inbrünstig gesungen und gebetet und erhöret worden, wo ich dich predigen gehört, mein Lieber! – Gott sei für alles gelobet und gebenedeiet, Halleluia! er sei mit seinem haus! Amen. Ich betete für dich und für mich – und riss mich endlich von Nro. 5 los. Sanft fasste ich diese Bank noch an, recht, als wenn ich ihr die Hand drückte, und nun raffte ich mich auf, um nach haus zu gehen, da mir deine Mutter in's Auge kam. Was weiss ich, ob sie's mir ansehen können, dass ich geweint hatte, oder ob etwas anderes die