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reissenunsere Mutter riss es nicht. – So, lieber Mann, war ich gestern; ich riss das Deckbett und warf mich grässlich, bald zur Rechten, bald zur Linken. – Allein nach dieser Unruhe folgt bei Sterbenden wasder Name des Herrn sei gelobt! Bei mir folgtesanfte, sanfte Ergebung. – Ich ging noch mit einem aufgewiegelten Herzen, mit siedendem Blut. – Alle Adern schienen mir den Dienst aufzusagen und wollten springenso ging ich in die Kirchezum letztenmal, dachte ich! Gewiss ein rührender Gedanke; mir war er's nicht. – Ich fing an zu beten, ich drückte die Augen dicht zum Gebet zu; allein konnte ich? – Die Augen rissen sich los; sie hielten nicht zusammen, und ich musste das Kirchengestühl ansehen, wo der Verführer mich zur allgemeinen Störung buhlerisch angesehen! – Ich musste, ich mochte wollen oder nicht, ich sah diesen Ort, und wenn Teufel drin gewesen wären, er hätte mir nicht fürchterlicher sein können! Ich denke. Mein Liebster, ein Unschuldiger, den falsche Zeugen vom Leben zum tod gebracht, sieht so den Richtplatz, wie ich diesen Ortich sah deiner Mutter Stuhl. Verzeihe, lieber Mann, zwar sah ich keinen Teufel drin; allein ich dachte doch Arges in meinem Herzen. Das eine fromme Frau! das eine heilige Sängerin! dachte ichda kam deine Mutter. – Sie grüsste mich, allein so verstohlen, als ob sie diesen Gruss vor der Gemeinde bergen und ja nicht merken lassen wollte. Das konnte wohl freilich meine Hitze nicht niederschlagen! Gottlob, der Bösewicht blieb diesen Sonntag aus. Es verzeih mir der allbarmherzigste Gott mein steinernes Herz, das ich in sein Haus mitnahm, das sich noch mehr versteinerte, verfelsete!"

Schon beim lied vor der Predigt:

Ich hab' mein' sache' Gott heimgestellt etc.

fing diess Herz an fleischern zu werden; und die Predigt! o Gott, welch eine Arznei für mein Herz! Es war recht, als ob dein Vater von meinem Entschluss wusste, als wenn er mich, mich predigte. – Bis dahin war jede Nerve gespannt; kein Schlaf hatte die letzten zwei Nächte mein Auge gebrochen, kein Gebet brach eses war starr. – Mein Blut schlug Wellen. O lieber Junge, diese Predigt bedrohte den Wind und das Meer, und es ward ganz stilleich sah dich, da ich deinen Vater, den Boten Gottes, sah. Er kam herein, Name des Herrn sei gelobt! O Mein Einziger! ich wünschte nicht, noch solch einen Abend, solch eine Nacht, solch einen Tag und solch eine Nacht, und noch solch einen Morgen zu leben, als vom Freitag Abend bis zur Predigt. – Eine Hitze, und keinen Tropfen wasser in dieser Hitze, wo mir die Zunge an dem Gaumen klebte. Warum bat ich nicht Gott in dieser Dürre um Tau und Erquickung? Warum suchte ich nicht durch seine heilige Religion mich abzukühlen und in die selige Fassung zu setzen, in der ich jetzt bin, wo es, wie im Frühling, weder zu kalt noch zu warm ist? Gott ist nahe allen, die ihn anrufen, warum nannte ich ihn nicht, im Geist und in der Wahrheit. Vater, da der leibliche es ganz und gar aufgehört hatte zu sein? Warum betete ich nicht um Tränen? Warum sang ich nicht mit Inbrunst:

Gott, gib einen milden Regen;

Denn mein Herz ist dürr, wie Sand!

Vater, gib vom Himmel Segen.

Tränke du dein durstig Land!

Warum? Ei, können! Ich mache mir jetzt Vorwürfe; allein es ist, als hörte ich eine stimme zu meiner Lossprechung. Das Gebet ist auch eine Gabe Gottes, und Tränen sind ein unaussprechliches Geschenk! Habe denn Dank, Allgütiger, dass ich jetzt beten, dass ich jetzt weinen kann! Habe Dank für diese Gabe, für diess Geschenk! Es ist das Schrecklichste, mein Lieber, das habe ich erfahren, wenn ein Vater zum Sohn: g l ü c k l i c h e R e i s e ! sagt, und wenn er seine Tochter verhandelt! Habe Mitleiden mit deiner Mine, wenn du diess liesest, und Gott wird es mit dir haben, und dich nie solch eine Herzensdürre erleben lassen!

Gleich die erste Strophe:

Ich hab' mein' sache' Gott heimgestellt!

Er mach's mit mir, wie's ihm gefällt!

wie empfing sie mein Herz! Sie zogen sich ein, diese Trostworte, wie Tau auf einer welken Pflanze. Bei der dritten Strophe regnete es schon:

Es ist allhier ein Jammertal,

Angst, Not und Trübsal überall;

Des Bleibens ist eine kleine Zeit,

Voll Mühseligkeit!

Was ist der Mensch! Ein Erdenkloss,

Vom Mutterleibe nackt und bloss;

Bringt nichts mit sich auf diese Welt,

Kein Gut noch Geld,

Nimmt nichts mit sich, wenn er hinfällt.

Ich hab' hier wenig guter Tag',

Mein täglich Brod ist Müh' und Klag';

Wenn mein Gott will, so will ich mit

Hinfahren in Fried'!

O lieber Junge singe, wenn du dieses liesest! – Gott weiss, wenn du es lesen wirstsinge dieses schöne Regenlied!

Deines Vaters Predigt war Vollendung für mich, wie auf mich gemacht, Wort für Wort auf mich. O lieber Junge,