verlassen, aber der Herr nimmt mich an. Hier bin ich, mach' es mit mir, wie's dir wohl gefällt. Lass meine Seele, wenn sie schwach wird, empfinden, was geschrieben steht: Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott, ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit! Amen.
Hermann war in Gedanken weggegangen und kam in Gedanken zurück. In Wahrheit, er hatte Ursache zu denken!
Mine war nachgebend gegen ihren Vater, ohne eine Lüge, auch nur mit dem Auge, zu begehen; diess brachte ihn zu Ruhepunkten – zu Hoffnungen, hundert und fünfzig Taler Albertus in der Lotterie zu gewinnen.
Benjamin drang auf die Berechnung, weil er nicht Zeit hätte, sich länger aufzuhalten. Es war diess Donnerstags Abends. – Morgen, sagte Hermann. – Sie berechneten sich Freitags, und diese Berechnung währte keine Stunde. Sein Erbteil war auf den Fingern abzuzählen: es war nicht viel. Da Benjamin sehr bat, weil er der G e w e r k s l a d e Geld zu zahlen hätte, ihm den wenigen Mutterteil baar auszuzahlen, so zeigt' ihm Hermann die Unmöglichkeit. – Ich will, wenn du es durchaus und durchall nötig hast, an den Herrn v. E. schreiben, mir dieses Anlehen auf Abschlag Denens zu geben. – M i n e stiess ihren Bruder an, der es sogleich ausschlug. Mit solchem Gelde, sagten sie, da sie wieder allein waren, würden wir nicht w e i t k o m m e n . – Benjamin hatte vor, dieses Geld seiner Schwester mitzugeben. Jetzt musste der letzte Weg eingeschlagen und Minens Kleider und viel von ihren Sachen, welche ohne aufsehen weggenommen werden konnten, verkauft werden. Benjamin besorgte diess mit einer unbeschreiblichen Behutsamkeit. Er brachte zehn Taler Albertus zusammen. Mine bat ihren Bruder herzlich zu bleiben und ihr noch Montags beim Termin zur Sühne beizustehen; allein er konnte nicht – sondern befahl sie dem Schutze Gottes – Dein Mann, sagte er, ist Gottes Liebling, und du bist es auch; ihr seid beide fromm! Wie kann euch Gott verlassen? Euch, seine Kinder! – Sie weinten, da sie schieden. Zum letztenmal im väterlichen haus, lieber Benjamin – wo ich die erste Träne weinte, wo – sie konnte vor Tränen nicht mehr. – Auch Benjamin weinte. – – O Schwester, fing er an, du warst von jeher weit – weit besser als ich! Alexander und du haben mich zum Menschen gemacht. – Du warst nie böse, Benjamin, sagte Mine, jetzt bist du gut! gut! – Und dann wieder: Du warst nie böse! – O Gott! fing Benjamin an, wenn ich denke, wie du dich nicht bloss des Viehes, sondern der Pflanze, der Blumen auf dem feld erbarmtest; wenn ich denke, wie du dich nicht satt sehen konntest an dem grünen Grase und an den gelben Blümchen; wenn ich denke, wie du mich batest, die Rinnen zu öffnen, wenn sie verstopft waren, damit das arme wasser, wie du sagtest, nicht aufgehalten würde; wenn ich bedenke, dass ich dir oft dergleichen Bitten abschlug und dir den rücken kehrte, wenn du mir so was Uebermenschliches, so was Himmlischgütiges batest; wenn ich denke – Lass diess, fiel ihm Mine ein; du warst nie böse, denke vielmehr, wo wir oft unschuldig sassen und Salat für unsere fromme selige Mutter lasen, und wo wir mit Alexandern herzlich froh waren, mit Alexandern! denke, wo wir rote und weisse Johannisbeeren pflückten, und ich euch den Saft mit Zucker zubereitete und wir uns einander sagten, wenn es uns herzlich schmeckte: zweierlei Wein, roter und weisser! denke an meine Liebe zu Alexandern, und an seine zu mir! Du bleibst hier, Bruder. Lass mich jetzt Uebergabe halten, ich will alles in deine hände geben.
Komm, da liegt unsere Mutter begraben! Ost habe ich hier gebetet, oft Gott gedankt; denn hier hat er mich manche seelenfrohe Stunde leben lassen! Sie knieten beide aufs Grab und weinten bitterlich.
Ich nehme Abschied von dir, o du mir liebes Grab! – Sie bog ihr Haupt auf selbiges, als ob sie's küsste. O möchte ich wie die Selige ruhen, die du bedeckest, liebe sanfte Erde! O möchte ich – sie konnten beide nicht mehr.
Bruder, ich beschwöre dich bei der heiligen Asche unserer Mutter, die auferstehen wird am jüngsten Tage, dass du diess Grab ehrest. Pflege es, warte sein. – Gott erhöre dich, wenn du hier betest. – Gehe oft hin, und wenn der Vater Hochzeit hält, vergiss nicht, auf diesem grab zu weinen. – Wenn dich Gott aus Curland ruft, es ist möglich – gib diess Grab in die hände deines Vertrautesten, beschwöre ihn, wie ich dich beschworen habe, dass er sein pflege und warte. O liebe, liebe Mutter! bald, bald werde ich dich wiedersehen! Ja, Benjamin, bald werde ich sie sehen und sie von dir herzlich grüssen. Du bist ihr gut, unserer Mutter. – Hier wieder eine Tränenscene.
Lebe wohl, liebes Grab, lebe wohl bis an den lieben jüngsten Tag!
Ich übergebe dir diesen heiligen Ort, wo ich