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(was ich unter Ort und Stelle einbegreife) zu sich selbst zurückgekommen sein wird, so wird sie's einsehen, wie redlich gut es Ew. Hochwohlgeboren mit ihr gemeint. Ich weiss nicht, was sie bei der heftigsten Gewissenskolik (anders kann ich die Stiche nicht nennen, welche die Mädchen über dergleichen Dinge zuweilen, wenn ein Ungewitter aufsteigt, befallen) mehr beruhigen könnte, als wenn sie erwägt, dass sie die Ehre gehabt, in gewisser Art selbst mit Ew. Hochwohlgeboren getraut zu werden. Das Auge ist doch wohl mehr an Menschen, als die Hand? obgleich mir noch wohl bekannt ist, dass. Ew. Hochwohlgeboren eine weisse Hand nicht verachten, wie es denn auch wohl zu seiner Zeit ein Leckerbissen sein kann. Uebrigens rechnet Ew. Hochwohlgeboren ganz untertäniger Diener es sich zur vorzüglichsten Ehre, dass Ew. Hochwohlgeboren ihn mit einem so langen Briefe zu beehren geruht. Von Liebesbriefen im neuen Geschmack ist mir wohl ausser dem bewährten Talander nichts bekannt; indessen wenn es Ew. Hochwohlgeboren gar zu viel Mühe machen sollte, so steh' ich sehr zu Befehl, und leg' auch zu diesem Ende ein Pröbchen nach eigener Weise bei. Wenn Ew. Hochwohlgeboren so viel Zutrauen zu mir hätten, die Uebergabe der Jungfer Dene an mich gnädigst zu bewilligen, ehe Minchen übergeben wird, und ohne dass es eben Zug um Zug ginge, so könnten Sie ja D e n e n noch obenein den Eid abnehmen, dass Mine Ihnen allenfalls gegen einen Solawechsel, Contrakt, Revers, oder wie es in den Rechten am besten und schnellsten gilt, abgeliefert werde. Dene würde hiebei mehr als vier Kerls verschlagen; indessen ist dieses nur ein unvorgreiflicher Vorschlag, über den ich nicht entrüstet zu werden ganz untertänigst bitte.

Ich ersterbe, nachdem ich die Hand des Gebers mit den aufrichtigsten Wünschen, dass es ihm reichlich wiedervergolten werde, geküsst, mit der tiefsten Ehrfurcht

Ew. Hochwohlgeboren,

meines gnädigen Herrn baron und hohen Gönners,

ganz untertänigster Knecht und Diener

Wörtlich abgeschrieben vonabgeschickt den

Es fanden sich auch ein paar kurze Briefe, worin Montags der Termin zur Sühne angesetzt war. Hermann wollt' alsdann mitfahren und wiederkommen, und dann sollte der Ueberfall verabredet und Mine mit Gewalt fortgeschleppt werden. Der alte Herr wünschte nichts sehnlicher, als dass er die hundert fünfzig Taler Albertus verdienen möchte. Bei diesen väterlichen Wünschen blieb es, bis auf den letzten Brief. Hier schreibt er: Ich tue jetzt auf alles Geld Verzicht, wenn Ew. Hochwohlgeboren Minen gutwillig bereden können. Ich habe sie ehegestern durchs Schlüsselloch beten gesehen und gehört. O! gnädiger Herr, ich würde' ein unglücklicher Mensch zeitlebens sein, wenn diese Entführung übel für Minen ablaufen sollte. Um alles wünscht' ich, dass Mine nicht so kräftig, so mächtig, als ich sie durchs Schlüsselloch sah und hörte, wider mich beten möchte. Da muss Donner und Blitz wüten, wowider sie betet. – O, gnädigster Herr, Sie werden sie wohl gutwillig an Ort und Stelle bringen!

Dass der Herr v. E. des Hermanns Vorschlag verworfen, ihm Denen zuvor zu geben, und sie auf die Entehrung Minchens in Eidespflicht zu nehmen, darf ich kaum bemerken. Herr v. E. müsste nicht in – – in – – und – – gewesen sein, wenn er einem Eide hätte trauen sollenund du, Bösewicht, kannst du so was auf einen Eid aussetzen? – Kannst du deine Tochter durchs Schlüsselloch behorchen, wenn sie mit Gott allein ist, wenn sie betet? – – Gerechter Gott!

Nach diesem allen, was konnte für ein anderer Ent

schluss gefasst werden, alszu fliehen? – Ohne Geld, ohne Beistand? Schrecklich! Was hilft's aber dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nehme Schaden an seiner Seele, oder was kann der Mensch geben, damit er seine Seele löse? – Mine war entschlossen und Benjamin war Alexander. – Mine, diess war das Resultat, sollte zu Fuss nachgehen. Da würde Benjamin Wagen und Pferde besorgen, und sie käm' alsdann zu ihm, nicht z u s e i n e m M e i s t e r , sondern – – und von da nach Mitau, zu einem Anverwandten ihrer seligen, seligen Mutter. Um alles desto geheimer zu machen, sollte Mine allein bis –. Bonwollte Benjamin sie bis Mitau begleitenvon Mitau Mine wieder allein mit einem Fuhrmann nach Königsberg, nicht zu mir – – Ach, Mine! Mine! warum nicht zu mir? sondern nach L. – wieder zu einem Verwandten ihrer seligen Mutter. Von da aus einen Brief zu seiner Zeit an mich, dass ich käme und sie im Schooss ihrer Freunde spräche. – Dieser Plan ward bebetet und besungen. Es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke. arme Mine! ich hätte wissen sollen! arme

Und wann? fragte Mine. – Dienstags, Schwester;

Sonntags kannst du noch Gott in seinem haus anflehen, dass er mit uns sei, und vor uns her eine Wolkenund Feuersäule ziehen lasse. – Gott! sagte Mine und rang ihre hände, aus denen ein kalter Angstschweiss drangGott, du weisst! – Leite mich! führe mich! verlass mich nicht! – Ich gehe deinen Weg, den Weg der Tugend! ich hoff' auf dich! – Vater und Mutter haben mich