, bloss seine Augen zu schonen, die freilich durch Noten und Fäden gelitten haben können, trieb. Er verstand auch etwas vom Schuhmachen, allein nicht das mindeste von der Poesie. Meine Mutter pflegte daher von ihm zu sagen: er hätte den kalten Brand. Es war ihm zur Gewohnheit geworden, wenn er etwas suchte, auf den Tisch zu klopfen, welche Mode die Schneider haben, wenn sie die Scheere suchen; auch wackelte er beständig mit dem fuss, welches den Töpfern eigen sein soll. Vom Schuster hatte er das weite Ausholen mit den Händen, vom Spielmann aber einen taktmässigen Schritt. Da er für die poetische Gelehrsamkeit meiner Mutter Respekt hatte, unterstand er sich nicht, aus seinem alten Kramladen ihr zum Nachteil eine witzige Antwort herauszusuchen. Er sass vielmehr, wenn sie ihn böse gemacht, ganz still, und wie meine Mutter sagte, so gerade, als wenn er sich barbiren liess. Obgleich er als Organist, welches in Curland ein seltener Vogel ist, oder als Schullehrer ankommen können, so hatte er jedennoch alles verbeten, indem er glaubte, dass er sich hierbei aus den Augen setzen und zugleich allen Universitäten einen Brandmark geben würde.
Die Kinder, so er erzog, nahm er nicht anders als bittweise an. Zwar tat er sehr unzufrieden, wenn er seine Zahl nicht vollständig und seinen Lehrsaal nicht ganz besetzt hatte, inzwischen schien er nicht darum böse, weil ihm keine Kinder in die Schule gebracht wurden, sondern weil er nicht gebeten war, sein täglich Brod zu verdienen.
Er brachte freilich seinen ihm vertrauten Kindern nicht viel bei; da er indessen mit für körperliche Uebungen war, konnte ihn mein Vater leiden, obgleich er mich seinem Unterrichte so wenig, als meine Feierkleider seiner Nadel anvertraute.
Da der alte Herr übrigens podagraische Zufälle hatte, welche nach meiner Mutter Meinung nur ein Edelmann und Literatus haben könnte; da ferner der ehrliche N i c o l a u s H e r r m a n n vom Zipperlein geplaget gewesen, welches aus dem letzten Verse des Liedes: "W e n n m e i n S t ü n d l e i n v o r h a n d e n i s t ," erhellet.
Wer ist, der uns das Liedlein sang?
Ist alt und wohl betaget;
Diessmal kommt er nicht aus der Statt,
Das Zipperlein ihn plaget.
Oft seufzt er und hat Gott im Sinn;
Herr, hol' den kranken Herrmann hin,
Wo jetzt Elias lebet.
Da auch noch ferner der alte kranke Herrmann viele gute Chorale gemacht und ein bewährter Tonkünstler und Cantor gewesen, so beehrte meine Mutter zuweilen den alten Herrn mit dem Namen N i c o l a u s H e r r m a n n , obgleich ihm die Haupteigenschaft des Nicolaus Herrmann fehlte und der alte Herr den kalten Brand hatte. Oft sang sie ihm:
Wer ist, der uns das Liedlein
sang –
vor, und so wie sie es dem wirklichen Nicolaus Herrmann übel nahm, dass ihm nicht für
"D i e ss m a l k o m m t e r n i c h t a u s d e r
Statt"
die Schulbank eingefallen und er gesungen:
Diessmal kommt er nicht von der
als wodurch ohnehin der Reim "sang" sein bescheiden teil erhalten hätte, so empfahl sie dem alten Herrn auch anstatt der letzten Reihe
"Herr, hol' den alten Herrmann hin,
D o r t w o e s e w i g t a g e t ."
Die Verbesserungsfreiheit nahm sie sich indessen sehr selten heraus, denn sie war keine Liebhaberin von Liederänderungen, und mochte nicht, wie sie sagte, den S a f t und K r a f t des Alten w ä s s e r n und entkräften.
Die Zuschrift, so der ehrliche Herrmann seinen Liedern vorgesetzt, parodirte meine Mutter auf den alten Herrn. Ich muss sie hersetzen. Sie verdient's. Die Herrmannsche Dedication ist nur in zwei Reihen geändert:
"Ihr allerliebste Kinderlein,
Seht, das Choralbüchlein
Soll eu'r und keines andern sein.
Es ist fein albern und fein schlecht,
Drum ist es für euch Kinder recht;
Alt' und g'lehrt' leute' bedürfen's nicht,
Und die zuvor sind wohl bericht't.
Gott will durch der Säuglinge Mund
Gepreiset werden alle stunde';
Drum o ihr Christenkinderlein!
Durch euch will Gott gelobet sein:
So g'wöhnt euch nun mit allem Fleiss,
Dass ihr Gott singt Lob, Ehr' und Preis,
Und hebt bald in der Jugend an;
Was ich euch dazu dienen kann,
Das will ich tun bis an mein Grab,
Und weil ich geh'n kann an ein'm Stab;
Ob ich gleich wenig bring' davon,
Und K i n d e r a r b e i t gibt K i n d e r l o h n ,
So wird's doch alles machen gleich
Der liebe Gott im Himmelreich,
Dem sagt allzeit Lob, Ehr' und Preis
Niclas Herrmann, der alte Greis."
Der a l t e H e r r war indessen nicht der Herr C.F., wie er in den lettischen Gesangbüchern bezeichnet ist, welches Christoph F ü r e c k e r heisst, denn dieser der Gottesgelahrteit Beflissener war ein unbezweifelter Literatus und Poet, der aus Liebe