Not diese Briefstelle gerettet und die hohen Anwesenden überzeugt, dass er nur einem Herrn diene, und nun war ihm auch nichts heilig. Der Satan fuhr in ihn. Er wollte Gift mischen und wusst' es nur nicht anzufangen. – Er entdeckte meine Verlobung mit Minen als den einzigen Grund ihres N e i n s . – Die Sache ward im ganzen Zusammenhang genommen, und nachdem er meine Mutter, meinen Vater und mich (Herr v. E. erinnerte sich meiner haarklein) in Lebensgrösse dargestellt, so ward beschlossen, meiner Mutter Minens Liebesverständniss mit mir zu entdecken, ihr einen von meinen Briefen in der Urschrift beizulegen und Minen alle Auswege abzuschneiden, den Stricken so vieler Teufel zu entkommen.
arme, arme Mine!
Hermann kam, um seine Krankheit desto wahrscheinlicher zu machen und Minen desto sicherer ins Verderben zu stürzen, erst nach drei Tagen nach diesem unglücklichen Brief an gerechnet, nach haus. Was Mine während dieser Zeit ausgehalten, ist unbeschreiblich. Die erste Beschäftigung Hermanns nach seiner Rückkehr war, einen von meinen Briefen an Minen zu entwenden. Dieser Vorposten macht' ihm keine Mühe, weil Mine von dieser Seite nichts befürchtete. Vielleicht kühlt' ihn dieser Umstand, oder vielmehr die Vorstellung, dass Zorn die gute Sache verderben könne. Seine Maske war Güte und Freundlichkeit. Eine leichte Rolle für einen Bösewicht. Der entwandte Brief ward sogleich an die Behörde, nämlich an meine Mutter, und zwar in B e g l e i t u n g eines anonymen Briefes versandt.
Ich weiss nicht, ob meinen Lesern mit einem Teile des anonymen Uriasbriefes gedient sein werde, womit diese R o t t e Minen bei meiner Mutter anschwärzte, um ihr die letzte Trostquelle zu stopfen. Hermann war dabei der Fähnchenführer; denn obenein rächt' er sich so an meiner Mutter, ohne dass sie wusste, von wannen es kam.
* * *
"Da lesen Sie selbst, hochzuehrende Frau Pastorin. Sie kennen Bild und Ueberschrift – wahrlich, ein unwürdiger Sohn einer so würdigen, gottesfürchtigen Mutter, die genug für ihn gebetet und gesungen hat! So viel ist indessen gewiss, dass er nicht der Verführer, sondern der Verführte ist. Retten Sie seine Seele, die im Argen liegt, und machen Sie, dass er sie aus dem Argen ziehe und in seinen Händen trage. – Die ganze Gegend, und vorzüglich die in derselben, so seine Predigt angehört, ziehen über ihn die Achseln. Man glaubt, er habe Wilhelminen ein lebendiges Andenken zurückgelassen. Das wolle der Himmel nicht! Indessen war' aus den Worten: M a n n und W e i b , d u und d u , auf ein dergleichen im Verborgenen gebildetes Andenken, dem Sie, hochzuehrende Frau Pastorin, gewiss den Namen Grosskind entziehen würden, nicht unsicher zu schliessen. – Das beste ist, Wilhelminen – den Kauf aufzukündigen und ihr bei Hängen und Würgen alles Einverständniss mit dem Herrn Sohn zu untersagen, der in Königsberg nichts tut als Wilhelminen schriftlich lieben. Man weiss aus sicherer Hand –" Genug, ich kann nichts mehr abschreiben.
Mein Brief an Minen, den Hermann entwendet hatte und her diesem Schleichhandel den Schein des Rechts beilegte, war wie gewöhnlich treu und herzlich. – Die Stelle:
"O Mine, o Weib! du bist mir wie gegenwärtig, und alles, alles ist mir gegenwärtig. Denkst du auch dran, wenn wir uns die Augen küssten, als tränken wir sie aus, wenn ich deine Hand so fest an mein Herz hielt, dass du jeden und den allergeheimsten Schlag drin fühlen konntest, den Puls der Liebe –"
Diese Stelle klammerte meine Mutter ein und nahm sie in frommen Beschlag. Zur Seite schrieb sie: "Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Uebertretungen, gedenke aber mein nach deiner grossen Barmherzigkeit!" – Ueberall, wo Weib stand, zog sie einen Strich, als zöge sie einen Vorhang.
Mine konnte' es nicht über ihr Herz bringen, sich nach dem Befinden ihres Vaters zu erkundigen. Er dagegen hatte' auch kein Herz, an seine Krankheit zu denken. Hermanns Gesicht war bei aller angenommenen Freundlichkeit so durchsichtig, dass Mine wörtlich ihr Schicksal daraus abnehmen konnte.
Er fing die Lobrebe auf Herrn v. E. mit dem Eingang an: Wir haben uns geirrt, Mine. Irren ist menschlich. Wir haben uns geirrt. Herr v. E. ist nicht der Herr v. E., den wir glaubten, sondern ein ganz anderer Herr v. E. Der Text der Lobrede betraf seine Verlobung mit dem fräulein S., und seine erd-, wand, band-, niet- und nagelfeste Liebe zu ihr.
Ost kam die Verlobungserzählung so unzeitig, dass Mine mehr als zu deutlich sehen konnte, was diese Wiederholung sagen wollte. – Nach einer Weile fing er an: Du kannst nicht glauben, mein Kind, wie du dich durch deine Tugend dem Herrn v. E. empfohlen hast; er hat zum ersten- und zum zweitenmal ein Geschenk für dich in der Hand gehabt; allein du hast ihm so viel achtung eingeflösst, dass er es nicht wagen dürfen –
Ein Geschenk, warum das?
Beim Geschenk, liebes Kind, fragt niemand warum?
Mine konnte' und wollte nicht ihren Vater an seine Schwüre erinnern. Sie zitterte.
Wenn sich zu seiner Zeit ein Candidat fände, der dich heiraten wollte, fuhr Hermann fort, er sollte gewiss