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Schule? fuhr Mine fort. Auch nicht! erwiderte Hermann, der nicht Commissbrod essen wollte, wenn er magenverderbendes Gebackenes haben konnte. Du weisst, sagt' er ihr, dass wir die letzte Zeit jährlich e i n g e s c h u s t e r t haben – (gern hätt' er dieses Wort zurückgehabt) – Du weisst – – Mine weinte. – Sie leitet' ihren Vater auf Gott, den Brunnquell aller Gnaden. Wie ein Vater sich erbarmt über seine Kinder, so wird sich Gott erbarmen über uns, wenn wir ihn fürchtenwenn wir auf seinem Wege wandeln, seine Rechte halten und darnach tun. Ich will Nacht und Tag zu Gott empor rufen! Ich will eine Nähschule halten; ich will beten und arbeiten bei Brod und wasser. – Ich will alles, alles versuchen, was ehrlich und recht ist, vor Gott und Menschen. – – Aller Augen warten auf den Herrn! Er gibt Speise zu seiner Zeit, er tut seine milden hände auf, sättigt alles was lebt, bis auf die himmelschreienden Raben. Sind wir denn nicht so gut als sie? – Mine sagte diess mit solcher Zuversicht, dass Hermann ihr nicht weiter den Vorschlag von Mundund Handwerk nachtrug.

Hermann wiederholte sein Versprechen langsam,

bedächtig, als schwör' er einen Eid, Minen zu behalten, auch wenn er Denen drüber einbüssen möchte.

"Wie hätt' ich," schreibt Mine, "ihm Glauben ver

weigern können? – Das Blut, das mir bei dieser Scene zu Herzen schoss, redete für ihn." – – So weit konnte' es Mine nicht bringen, dass er nicht mehr nach – – zur Frau v. E. reiste.

Wer hingeht, sagte Hermann, muss zurückgehen;

indessen wiederholte er mit einem feierlichen, Gott anrufenden blick sein Versprechen. Es war gleich den folgenden Tag nach seinen Brustschlägen, nach seinem blick, oder, welches einerlei ist, nach seinen Schwüren, dass er zur Frau v. E. dringend geladen ward. Mine nahm gelegenheit, da sie ihren Vater auf dem rechten Wege hatte, ihm unsere Verbindung so deutlich zu machen, dass nur noch die Worte fehlten: Ich bin mit Alexander verlobt, wir s i n d E i n s . – Mit Fleiss öffnete sie ihm Aussichten, wodurch er Denens wegen entschädigt werden sollte, und glaubte sie (wie sie schreibt) ihn im Geistlichen und im Leiblichen gewonnen zu haben. So unbescheiden Hermann in dergleichen Fällen war, so hascht' er doch nach keiner Sylbe mehr v o n m i r als ihm Mine gab. Diese Bescheidenheit leistete Minen Bürgschaft für alles. – Vergessen Sie Ihre Tochter nicht, sagte Mine, da er von ihr Abschied nahm, Gott, wird Sie auch nicht vergessen, wenn Ihnen hülfe, Trost, Ratnot ist. Es bleibt, erwiderte Hermann, und schwur wieder mit einem blick.

Um also zurückzugehen, ging Hermann nachund

Mine war voll guter Hoffnungen, und diese gab sie, so sehr sie gleich das lange Ausbleiben des Vaters befremdete, doch noch den ganzen Tag, den Abend, die Nacht, den folgenden Mittag nicht auf.

Da aber Hermann auch den Mittag drauf noch nicht nach haus kam, stiegen wieder Wolken oder Ahnungen auf. Sie wartete noch bis Mittag des folgenden Tages, und nun war es Minen mittagsklar, dass ihr Vater so viel Zeit nicht bedürfe, um z u r ü c k z u g e h e n . Gegen Abend ein Brief von Hermann! – Mine wusste schon, ehe sie ihn öffnete, was drin war, und meine Leser werden es auch wissen.

"Ich bin krank, komm, deinen Vater zu sehen, denn vielleicht stirbt er, damit er dich segne."

Das war der abscheuliche Inhalt eines Briefes, den ein Mann schreiben konnte, in dessen Mark Gichtgift verborgen lag, das oft, eh' er sich's versah, aufgährte; der mit feierlichen, Gott anrufenden Blicken geschworen hatte. – O Hermann, konntest du so mit dem väterlichen Segen spotten? und so mit dem tod? und so mit Eiden?

Mit diesem Brief kam ein sehr gemeines Fuhrwerk, um alles desto glaubwürdiger zu belegenund die Sache desto klüglicher zu machen. Man wollte durch diesen Einfall den vorigen zu plumpen Plan ausputzen und in einem elenden Zimmer Schildereien aufschlagen.

Mine schrieb sehr kalt an ihren Vater, bedauerte seine Zufälle, kommen würde sie nicht, die Ursachen müssten ihm erinnerlich sein; sie hoff', er würde sein Versprechen erfüllen, und hiemit: leben Sie wohl!

Dieser Brief machte dem Hermann natürlich sehr viele Mühe, um sich herauszuwinden; denn er hatte', aller seiner Beteuerungen unerachtet, auf den ersten gegenseitigen Angriff alles, alles aufgeopfert, allesDas Wort von der Hoffnung, d a ss H e r m a n n s e i n V e r s p r e c h e n e r f ü l l e n w ü r d e , das Mine eingestreut hatte, machte seiner Hermeneutik die meiste Mühe. Herr v. E. sowohl als Dene wollten daraus herleiten, dass er z w e i e n H e r r e n diene. Dieser saure Schweiss bei der Auslegung brachte den Hermann wider Minen auf eine höchst ungerechte und unnatürliche Art auf. Nun hatte' er mit genauer