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hört nicht gern Mädchen-Ja's! – Ich will hin!"

Herr v. E. machte jetzt einen ganz andern Auftritt als im ersten Akt. Der Knoten war geschürzt. Wer den Vogel im Käfig hat, bedarf keines Vogelleims. Ohne ihr Band am Busen der Jahreszeit angemessen zu finden, ohne die Exclamation: aller-, allerliebst! trug er Minen, die auf diesen Antrag nicht im mindesten vorbereitet war, das bewusste Brodstellchen an. – Vielleicht würde' ein weniger kluges Mädchen als Mine drei Schritte zurückgetreten und Bedenkzeit nachgesucht, oder wohl gar Ja gesagt haben, obgleich es an sich immer ein falscher, ein Pariser Zug war, diese Anwerbung selbst, und nicht durch gute Männer auf deutsche Weise zu tun. – Mine sagte Nein! – Ein so offenes Nein, ein so kurzes und gutes Nein, dass Herr v. E. nicht weiter das Herz hatte, auf ein Ja bei diesem hartschäligen Mädchen (wie er es zu nennen pflegte) zu bestehen. Hermann war bei dieser Anwerbung nicht gegenwärtig. – Herr v. E., der von Minen Ja (diess Wortspiel von Ja, denn sie sollte den Worten nach Ausgeberin, Gesellschafterin werden) hören wollte, fand sie auch schön beim Nein. Er küsste ihr die Handbrennend.

Ich beklage, sagt' er und wusste nicht von sich selbst, ich beklage meine Mutter, meine liebe, liebe Mutter, meine schöne Mutter, die schönste, die ich kenne. Es fährt mir durch Mark und Bein, wenn mein Finger noch so leise den ihrigen t i p p t . Eine aller-, aller-, allerliebste Mutter. Der Saum ihres Kleides macht mich schon glücklich! – Sein Auge redete weiter. – Es war so unverschämt, so ungezogen als möglich. Viele Leute glauben zwar, dass man mit dem Auge nicht ungezogen sein könnte. – Die Pariser!

Hermann reiste mit und kam, sobald Herr v. E. zu seiner S. abging, wieder heim. Er tat M i n e n eine Frage, die ihr durch die Seele ging. Wie gefällt dir der Herr v. E., fing er anallein Mine, die das vierte Gebot wusste und auf die Frage: wie ihr Dene gefiel? – "als Mutter" antworten konnte, besass keine Fassung auf diese ausser dem Gebiete des vierten Gebots liegende Frage: wie ihr Herr v. E. gefiel, zu antworten. Sie vergass hiebei den V a t e r im K u p p l e r und sprach so gewaltiglich, so zudringlich, dass sie den Hermann aus aller Fassung setzte. – "Solch einen Antrag", fing Mine an, ihre Zunge war feurig, "solch einen Antrag m i r ! War ich denn auch nicht einmal eines gefirnissten, eines verkleideten wert? Musste mir denn dieser Entwurf ganz wie er war und nicht einmal gekrümmelt dargelegt werden? Mir! – Zwar wäre mir die Bosheit auch in ihrer Larve nicht entgangen, ich hätte das Gift auch im Wein erkannt, und wenn ich zu schwach gewesen, wahrlich! Gottes Engel hätten mir den Vorhang aufgezogen, wenn er noch so künstlich wäre gewebt worden! aber diese Dummdreistigkeit im Laster! – Gott!" – – Sie reckte ihre Hand weit gegen Himmel, um sich durch diese Vollmacht zu der guten Sache zu berechtigen; sie sprach im Namen der Tugend, als ihre Machtaberin, und Hermann rang die hände, schlug an seine Brust und versprach, sie nicht zu verraten und zu verkaufen: sie nicht zu vertauschen, auch selbstwas konnte' er mehr versprechen? auch selbst – "wenn ich drüber D e n e n verlieren soll!"

Diese Bussandacht bewegte Minen, sie fiel ihm um den Hals, sie weinte, sie betete, sie versprach ihn mit ihrer hände Arbeit zu ernähren, und ihren Bruder, der bald aus der Lehre treten würde, zur Beisteuer zu bequemen, um ohne D e n e n leben zu können. "Diese hände," sie faltete sie und sprach so feierlich als wenn sie einen Eid ablegte, "diese hände sollen Tag und Nacht arbeiten!" – Hermann war wirklich bewegt. "Ist Ihnen der Unterricht der Kinder schwer, Sie können ja nicht bloss ein Mundwerk, sondern mehr als ein Handwerk." – Pfui, sagte der alte Herr, so gerührt er auch war. M i n e wollte das Handwerk dieses Pfui's wegen verreden, allein H e r m a n n liess sie nicht vom Fleck. Handwerk fuhr er fort. Wie kannst du mir ein Handwerk vorrücken? Was hab' ich denn für eins getrieben? Die Schneiderei an ihren Ort gestellt, wo ich doch auch kein Kleid, keinen Ueberrock, sondern Sachen verfertigte, die nicht ins Auge fielen. Brusttücher und so was. – Von Stiefeln Schuhe, von Schuhen Pantoffeln künsteln, heisst das Schustern? Und etwas aus Ton drechseln, heisst das Töpfer sein? Ich war, damit du's einmal für allemal weisst, Freischneider, Freischuster, Freit ö p f e r , so wie viele von unsern hochwohlgebornen Herren, wenn sie von Reisen kommen, F r e i m a u r e r sind. Mine gab sich alle nur ersinnliche Mühe, ihren Vater zu beruhigen, allein vergebens. Er konnte' ihr das Handwerk nicht verzeihen. Und die