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r e c h t , oder die Befugniss, in des andern wald Holz zu fällen, zueignete. Die griechische Sprache, wovon die Herren Amtsbrüder nicht vielmehr als die beiden griechischen Freunde wussten, war nicht hinreichend, meinem Vater Ruhe zu schaffen. Sie hielten es mit dem alten Testament bis zur Ankunft des Conversus, und nun war jeder furchtsam, in meines Vaters Gegenwart an die heilige Schrift zu denken, und jeder wunderte sich, warum er mit seiner hebräischen Sprachkenntniss so lange hinter dem Berge geblieben.

Personen:

Mein Vater;

Meine Mutter;

Der Ritter Jachnis;

Conversus putzt Licht;

Der alte Herr;

Minchen, seine Tochter;

Benjamin, sein Sohn.

Ich habe gestern Abend meinen Lesern den Auftritt d e s a l t e n H e r r n und seines B e n j a m i n s versprochen. Den alten Herrn habe ich in meinem Leben nie unter einem andern Namen, als dem des alten Herrn, kennen gelernt. Wer mich also nach seinem Vor- und Zunamen fragt, erhält eine abschlägige Antwort. Seine Lebensgeschichte kann von keinem besonderen Belang sein, indem sein ganzes Wesen allem, was man Belang heissen kann, geradezu entgegen war. Er selbst behauptete von sich, so oft man's ihm so nahe legte, dass es ihm an den Fingern brannte: er sei ein Literatus. Meine Mutter, die sich nicht stark genug dünkte, ihm diese Ehre abwendig zu machen, liess ihn zwar Literatus sein, indessen pflegte sie ihn in Rücksicht dieser Würde eine geschwächte, eine zu Fall gekommene person zu heissen. Es ging die Rede, dass er das Schneiderhandwerk gelernt hätte; wenigstens übte er dieses Handwerk aus, und alle meine Schlafröcke und täglichen Kleider sind durch seine gelehrte Hand gegangen. Was die Feierkleider betraf, konnten sie freilich keinem Literato anvertraut werden; der Umstand indessen, dass er Schneiderarbeit verrichtete, schien nicht hinreichend, das Gerede, dass er ein Schneider wäre, ausser allen Zweifel zu setzen, denn er war im grund genommen ein Tausendkünstler.

Er hatte sich bei einigen hochwohlgeborenen Her

ren zum Hofnarren, zum Kammerherrn, zum Forstund Jägermeister brauchen lassen, und nachdem er am Ende einsah, dass es besser sei, ein Schneider als ein Hofnarr zu sein, zog er sich in bester Ordnung zurück, nahm seine letzten Kräfte der Hofkunst zusammen und war so glücklich, seine Herren Principale dahin zu überschwatzen, dass ihm zeitlebens ein s t a n d e s m ä ss i g e r , das heisst ein höchst notdürftiger Unterhalt angewiesen wurde. Die Alten starben und die Jüngeren liessen ihn im Besitz, ohne den Canon von Witz einzufordern, den sich ihre Antecessoren jährlich hatten bezahlen lassen. Es legte sich der alte Herr auf den Unterricht der Kinder, stand mit den Pastoren der Gegend in gutem Vernehmen, und verrichtete, sogar einige heilige Handlungen, wobei die Herren Geistlichen substituiren können, zuweilen rührte er das Positiv, welches in einer unserer benachbarten Kirchen stand. Dieses aber musste wenigstens vierzehn Tage zuvor bestellt werden, und dann war es doch nur ein Gastpräludium.

Er behauptete, dass man sich auf ein Präludium

eben so sehr, als auf eine Predigt vorbereiten müsse, und wie der Klang der Wortewenn er mit der auszudrückenden Sache wie ungefähr der erste und zweite Diskant harmoniredie Originalsubstanz der Sprache bewiese, so verriete es einen grossen Musikus, wenn man das Evangelium so zu sagen ins Präludium setzen und es so deutlich in Noten ausdrücken könnte, dass wer das Präludium hört, auch zugleich das Evangelium wissen müsste.

Hierüber wurden dem alten Herrn von meiner Mutter verschiedene Einwendungen gemacht; allein er behauptete, er hätte nur neulich d a s V a t e r A b r a h a m e r b a r m e d i c h m e i n so natürlich auszudrücken gewusst, dass der ganzen Gemeinde darüber Furcht und Schrecken angekommen wäre; und da ihm meine Mutter das Evangelium v o n d e r B e schneidung, von den viertausend M a n n und vom s t e i n i c h t e n A c k e r entgegen setzte, und ihn befragte, wie er W e i z e n u n d K o r n l a n d , f ü n f G e r s t e n b r o d e und ein wenig F i s c h l e i n in der Musik ausdrücken könnte, wollte er zwar im Anfange behaupten, dass alles diess in die Musik zu übersetzen wäre, nachher aber schämte er sich über sich selbst. Sie warf ihm sehr oft den steinichten Acker, die viertausend Mann, die fünf Gerstenbrode und ein wenig Fischlein vor, obgleich sie an die Beschneidung, ich weiss nicht warum, weiter nicht dachte. Bei dieser gelegenheit kann ich nicht umhin, zu bemerken, dass meine Mutter sich vor der satyrischen Ader des alten Herrn gar nicht fürchtete, so furchtbar ihn auch in der ganzen Gegend seine Einfälle gemacht hatten.

"Eine Schneidernadel," pflegte sie zu sagen, wenn er einen Einfall wider sie hatte, und wenn sie ihn recht ärgern wollte, nannte sie ihn Tonkünstler, welchen Ausdruck er weniger als alles leiden konnte, indem er sich hierdurch zu einem Töpfer erniedrigt zu sein dünkte, und sich hierbei um so mehr getroffen fand, als er dieses Handwerk in den langen Abenden, wie er versicherte