Verlust weinte. Diess machte aufsehen in der ganzen Gegend, die nur eine solche Kleinigkeit von Anlass brauchte, um laut zu sagen, was jeder längst und schon bei Lebzeiten des seligen gnädigen Herrn, da Magdalene noch nicht so herzlich weinen durfte, gedacht hatte. Man machte über diese Tränen der Magdalene bittere Anmerkungen, so dass, da der grösste teil davon an die beiden Weinenden kam, Wohlstandes wegen Magdalene weniger als die nachgebliebene Frau witwe zu weinen anfing. Der wunderbare Wohlstand!
Es hatte der Herr Gemahl der Frau v. E. in seinem letzten Willen die feierliche Verfügung gemacht, dass seine Gemahlin und Mamsell D e n e (so ward Magdalene im ganzen haus und überall genannt) sich nicht von einander trennen, sondern beisammen bleiben sollten, bis sie der Tod schiede. Das war ein neuer Gegenstand zu Anmerkungen, welche die ganze Gegend machte, sobald das Testament eröffnet war. Die Frau witwe, die vor der Eröffnung des Testaments, und vorzüglich bei gelegenheit der Tränen, den Plan gemacht hatte, D e n e n in allen Gnaden zu verabschieden, war jetzt, wie sie sich ausdrückte, gezwungen diese Klette am Kleide zu leiden. Sie sah es also im Herzen sehr gern, dass Herr Hermann D e n e n die Aufwartung machte. Zwar hatte sie sich so fest an den Willen ihres verstorbenen Gemahls gebunden dass sie keine Trennung von D e n e n möglich glaubte; indessen glaubte sie, durch D e n e n s Umgang mit Hermann wenigstens die Scene zu verändern und der Nachrede eine andere Wendung zu geben. Einen Rechtsgelehrten hatte sie nicht das Herz darüber zu Rate zu ziehen. – Es gibt Krankheiten, die man nicht gern entdeckt. D e n e fand von dieser Seite nicht die mindeste Schwierigkeit, wohl aber war ihr bedenklich, dass sie die Ehescheidungsstrafen, wenn sie den Aufstand anheben sollte, zu tragen würde angewiesen werden. Wenn aber die Frau v. E. anfinge, dachte D e n e , was könntest du nicht für Bedingungen vorschreiben! – D e n e sah wohl, wie überlästig sie der witwe war, sie mochte mehr oder weniger weinen als sie. Wenn Dene also nach dieser ihrer Verbindung mit dem Herrn Hermann gefragt ward, war ihre Antwort: Sie belieben zu scherzen, oder: ich bitte tausendmal um Verzeihung, oder: mir fehlt ohne den Herrn Hermann nichts auf der Welt. Rot zu werden hatte sie entweder schon längst verlernt, oder hatte es nie gekonnt. Es blieb also ihre Verbindung mit dem Herrn Hermann problematisch. Die Nachbarschaft pflegte die gnädige Frau und Denen zu nennen: Sara und Hagar. – Sowohl Sara als Hagar ärgerten sich über diese Beinamen, ohne gegen einander sich diese Aergerniss merken zu lassen.
Magdalene hatte, seit ihrer vieljährigen Praxis, alle Kniffe auf einem Schnürchen, wodurch unser in Liebesangelegenheiten abergläubisches Geschlecht gefesselt gehalten werden kann, so dass es noch diese Fesseln als Ordensketten verehrt. – Sie hatte den alten Herrn erst äusserst verliebt gemacht und war ihm in allem – wenigstens ein Viertelmeilchen (ich rede von deutschen Meilen) – zuvorgekommen. Auf einmal eine andere Dekoration. Wer A sagt, muss auch B sagen, war bei Denen keine Regel, und alle ausgelernte Coquetten denken so. Der alte Herr hatte durch eine überaus gefällige Aufnahme in dem haus der Sara sich das Wohlleben so angewöhnt, dass, wenn auch nicht die körperlichen Uebungen seine Schuljugend, die wie Schafe in der Irre ging, zerstreut hätten, diese guten Tage sich mit den Schulstunden nicht länger vertragen haben würden. Was sollte der alte Herr anfangen? Der Unterhalt, den ihm seine verstorbenen Witzprincipale zugestanden hatten, war klein und zum teil ungewiss. Dene hatte, nach der Meinung des alten Herrn, mit Herzen, Mund und Händen A gesagt; allein nun war sie nicht aus der Stelle und bei weitem nicht zum B zu bringen, vielmehr schien sie zuweilen gar das A zurückgehen zu wollen, wenigstens ward aus dem grossen A ein so kleines, dass man es beinahe dafür nicht ansehen konnte. – Ich habe, dachte der alte Herr, das unreine wasser ausgegossen, ohne reines aufgefangen zu haben – obgleich er wirklich reines wasser ausgegossen hatte, um unreines zu schöpfen. – – Diess machte ihn äusserst verlegen; allein diese Scharten wetzte er zu haus aus, und Mine, die arme Mine, hätte nicht in Aegypten mehr ausstehen können, als bei diesem wetzenden Vater, der reines wasser ausgegossen hatte und keinen Tropfen unreines auffangen konnte, seine Zunge zu kühlen; denn es ging ihm wie dem reichen Mann in seinem Präludio. Der Frau Sara Gnaden, welche sich auf dergleichen Wendungen (meine Mutter würde Ränke und Schwänke geschrieben haben) wohl verstand, suchte dem alten Herrn Trost zuzuneigen und ihn wenigstens durch guten Frass und Suff zu stärken und zu festigen, seine Last zu tragen. – Dene blieb indessen halsstarrig beim kleinen, ganz kleinen a, und so wie kein Unglück allein, sondern paarweise kommt, so musste es auch dem Amtmann S. einfallen, um Denen in einem Brief, ehe ihr Trauerjahr noch um war, förmlich anzuhalten. – Diesen Amtmann, der ohnehin in den nämlichen Jahren des Hermanns sich befand, obgleich ihn kein Zipperlein plagte, würde Dene um alles nicht einem Literatus (unerachtet dieser Literatus den kalten Brand hatte) vorgezogen haben, indessen konnte ihr nichts erwünschter kommen, um den Herrn Hermann völlig aufs Haupt zu schlagen.