ein für Geld und gute Worte in bester Form genommenes Urteil. – Er war unverheiratet. Man sagt', er wär' in der Liebe unglücklich gewesen. Schade! Es haben Curländer vielleicht, bemerkte Herr v. G., seiner Schönen grad' über logirt. – Mag wohl sein! – Dieser würdige Mann war im stand, Menschen zu lesen, und diess schien sein Hauptgeschäft in Gesellschaft zu sein. Durch vereinte Kraft eins sein, ist der Zweck der grossen Staatsgesellschaften, sagt' er zu mir. So im Grossen, so im Kleinen! Instinkt und Vernunft lehren uns, dass ein grosser teil unserer Glückseligkeit von Menschen abhängt, und darum sehe' ich Menschen, darum geh' ich nach ihnen aus und freue mich herzlich, wenn ich was Unerwartetes vorfinde. Im Collegio ist alles auf einen gewissen bestimmten Horizont calculirt.
Noch sehe' ich den Mann mit seiner offenen, weit offenen Stirn, schwarzem Haar, einem Auge, in dem man ihn im Kleinen – allein doch ganz sah. Zuweilen hatte' er kleine Abendgesellschaften, woran er mich teil nehmen liess. Dieses Collegium versäumt' ich nie. Ich fand einen Officier, einen königlichen Rat, seinen Collegen, einen Prediger und einen Professor; allein alle waren grosse Lehrer in ihrer Art für mich. – Da war er zuweilen ausgelassen. – Er warf Münzen aus, und ich muss aufrichtig bekennen, dass, wenn ich je in meinem Leben mit Leib und Seele zugleich gegessen und getrunken, so war es hier; ich wundere mich noch jetzt, dass es mir so gut bekam. Wenn er es nicht länger aussetzen konnte, gab er eine grosse Mahlzeit. Da tat er wenig mehr als vorlegen, und hiezu braucht' er auch alsdann den Officier, den königlichen Rat, den Prediger, den Professor und mich.
Ich habe schon bemerkt, dass ich das votum decisivum bei der Landsmannschaft hatte, und so lang' ich den Präsidentenstuhl bekleidete, ist kein Stein von einer curischen Hand gehoben, um ehrlichen Leuten die Fenster zu verwüsten. – Mit der Zeit wär' ich weiter, bis zum Kopf meiner Landsleute gekommen. – Fürs erste hatte' ich Ursache, mir Glück zu wünschen, dass ich über ihre hände disponiren konnte.
Wenn ein Landsmann kam oder ging, ward ein Mahl gegeben, wozu ich zwar meine stimme, allein nicht meinen Magen gab.
Herr v. E. war, unter vielen andern, König eines solchen Mahls. Er war von seiner Mutter, die witwe geworden, aus Frankreich nach Curland gerufen. Seine Geschäfte indessen hatten ihn noch ein halbes Jahr in und um Königsberg zurückgehalten, ohne dass wir uns zusammen getroffen. Kein Wunder! Er ging nicht in die Hörsäle und ging nicht auf die Jagd. Seine Geschäfte waren – wie man sich leicht vorstellen wird – Liebesangelegenheiten. Freilich hatten die Königsbergischen Schönen Ursache, einem mann Complimente zu machen, der von Paris kam und sie nicht verschmähte. – Endlich schlug seine Stunde. – Ich war, ohne selbst zu wissen wie's zuging, bei diesem Mahl, und lernt' einen Menschen ohne Kopf und Herz kennen, der auf den preussischen Adel loszog, weil ihm niemand (die Sache ohne Allegorie vorzutragen), obgleich er angeklopft, aufgetan. – Wahrlich, diess brachte mir eine sehr gute Meinung vom preussischen Adel bei, die ich auch nie aufzugeben Ursache gefunden. Ich brachte die Nacht, da Herr v. E. mit Extrapost abging, wider Gewohnheit schlaflos zu, und selten hab' ich einen Menschen gefunden, in dem jeder Zug mir so entgegenarbeitete. – Dem Herrn v. G. war er auch unausstehlich. Er sollt' ihn bis S c h a c k e n begleiten, allein er konnte nicht. Herr v. E. kroch und war stolz; er war Franzos und Curländer. Für und wider sich – und gewiss auch Freund und Feind eines jeden, der es mit ihm anbinden wollte. – Sein Gesicht und er schienen zweierlei, und waren es auch immer. – Er fragte uns, ob wir nicht an unsere Mädchen was zu bestellen hätten? Da fuhr es mir so durch die Seele, dass ich ausser mir war! – Herr v. G. sagte, dass er ihn am wenigsten zum Liebespostillon brauchen würde, weil er aus Frankreich käme; und Sie? fuhr er fort, indem er sich zu mir wandte. – Ich habe, sagt' ich, nur eben Briefe von ihr. – Er nahm es als Scherz, und ich fand diessmal, und hab' es oft gefunden, dass selbst bei dergleichen Verlegenheiten die Wahrheit am besten aushilft Ich hatte wirklich Briefe von Minen.
Sie erfüllte redlich ihr Versprechen, sie hielt ein Tagebuch, und alle Vierteljahre erhielt ich es durch den bezeichneten Weg. Das erste Päckchen kam nach Manatsfrist; ich hoffe, niemand werde fragen, warum? Er an S i e ging vor sich, sobald ich an Ort und Stelle war. Ich fühlte jeden Kuss in ihren Briefen, so warm so sonnenwarm, obgleich er seine fünfzig Meilen gereiset war. In Wahrheit, hätt' ich Minchen nicht gehabt, ich hätte nicht die Hälfte von dem auf der Universität g e t h a n , was ich jetzt t h a t , nicht die Hälfte vor mich gebracht.
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Da bin ich an einer schweren Stelle meines Lebens, wo ich noch zittre und