; einer das rechte, der andere das linke Auge!
Wie wenig ich von dieser Uebergabe Gebrauch gemacht, darf ich nicht bemerken. – Herr v. G. vergass zwar seine Dorfdirne, seine schmucke Trine, nicht; indessen legt' er sich dennoch, wenn er nicht zu jagdmüde war, in's Fenster, und dann hatte' er sie, nach seinem etwas jagdfreien Ausdruck, wie am Rosenkranz. – Ich habe mich nie in Liebeshändel anderer Leute gemischt, nur das konnte mir nicht verborgen bleiben, dass er seine übrige Zeit (er hatte' indessen nicht viel übrig) den beiden von unserem Vorgänger beschriebenen Mädchen schenkte, mit denen er, wie er zu sagen pflegte, so ziemlich bekannt wäre. – Sie sind, sagt' er, meine Dorfdirne in mangelhafter Copie; allein mich soll der Teufel beim ersten Kuss, den ich ihnen zudrücke, holen, wenn ich nicht mein Dorfmädchen viel höher schätze als sie! – Ehrlicher, und das heisst genau genommen, auch schöner. Meine Trine, ausgewachsen wie eine Göttin, kein Missglied an ihr, keins verkrümmt und verkratzt. – Alles reif, herausgegangen wie die natur!
Redet dein Vater aus dir? fiel ich ihm ein. – Getroffen, erwiedert' er, aber meine Empfindung bestätigt seine Rede.
Mein akademischer Wandel – ich kam nicht mit Denksucht, sondern mit Lernsucht in die Hörsäle, nicht verwöhnt, sondern hungrig und durstig. Ich dachte nicht meinen Lebenslauf zu schreiben, welcher Einfall mich nur seit kurzem überfiel, sondern ich wollte leben lernen. Ich durfte nicht meine Hengste der Einbildungskraft ausspannen, die mich zu tausend Zeitungslorbeeren führen sollten; denn ich hatte sie nie angespannt. Ich flog nicht, ich ging und wusste, wie es wächsernen Flügeln, wenn sie der Sonne nahe kommen, zu gehen pflegt. Höchstens lief ich – um aus einer Stunde zeitig genug in die andere zu stürzen. Im Hörsal dachte' ich: E r h a t ' s g e s a g t ; zu haus fragte ich mich: W a s h a t e r g e s a g t ?
Ich schreibe (meine Leser werden es, wie ich nach der Liebe hoffe, wissen) L e b e n , nicht S c h u l e , und was kann ich also von meinem akademischen Laufe sagen, was ein grosser teil meiner Leser nicht schon selbst, wie ihren Haus- und Wirtschaftskalender, aus- und inwendig wüsste? Die Lehrer l a s e n , ich h ö r t e . Ich lernte von allem was ich schon wusste, die Grammatik, auf der Reitschule, auf dem Tanzboden, in der Philosophie, in – allem. Ich lernte meinen Lehrern den kürzesten Weg zum Ziel ab und war aufmerksam auf die Strasse die zu gehen, und auf die Strasse die zu meiden war. Sollte man nicht überhaupt auf Universitäten mehr Polemik als Tetik in allen menschmöglichen Wissenschaften lehren? Und sollte nicht K r i t i k , in einem besonderen Sinne, der Gegenstand der akademischen Beschäftigungen sein? Der ist in meinen Augen der beste Professor, der am gründlichsten seinen Schülern zu sagen weiss, was nicht verlohnt gelernt zu werden, und die Titel von dem, was lernenswert ist. Meine Hauptbemühung in Rücksicht der Gelehrsamkeit auf der Universität war, ein Lexikon zusammenzutragen, wo ich die Gelehrsamkeit weiter nachschlagen könnte, wenn ich, wie Felix, gelegenere Zeit haben würde. Gottlob! diese gelegene Zeit ist gekommen. Die Sprachen, die ich angefangen, setzt' ich fort, in so weit es von ihnen und mir heissen konnte: Der Schmied hat mehr als eine Zange. Ich wünsche, dass Sie Ihre Zeit gut anwenden mögen, war damals in dem mund eines Professors, wenn er mit einem Studenten sprach, so viel als guten Morgen, guten Abend und gute Nacht! – Die Pietisten setzten hinzu: Gott segne ihre Studia! und mehr als diess weiss ich von diesen Leuten nicht zu sagen.
Se. Spectabilität nannten mich, wo Sie mich reichen konnten, den curischen Philosophen und empfahlen mich Ihren Herren Collegen, wo ich nicht viel Grossväter fand; indessen wünschten alle, dass ich meine Zeit gut anwenden und dass Gott meine Studia segnen möchte. Wenn sie zum Inpietismus gehörten, blieb der eingliedrige Segen weg.
Froh denke' ich noch heute (es ist eben Michaelstag) an diese akademische Zeit, und rufe mit dem guten Drosselpastor: vivat Academia! Mir fehlte nichts als Mine, der Kirchhof, das Wäldchen und die andern heiligen Orte, wozu noch die gründicke Laube des Bekannten gekommen war; indessen ersetzte mir die Einbildungskraft alles. Ich las Minens Briefe, beschäftigte mich mit den von ihr eingeweihten Sachen und kam mir wie ein Wittwer vor, der seine Frau in seinen von ihr zurückgelassenen Kindern sucht. Seine schönste Zeit ist, wenn er mit ihnen spielen kann. – Meine Spaziergänge waren Kirchhöfe, Wäldchen und überhaupt Orte, die mich desto deutlicher an Minen erinnern konnten. Sie sah ich überall. Ich studirt' an ihrer Hand. – Sie beseelte mich mit Mut und war mir sans comparaison das, was jedem Ritter seine Schöne ist.
Mein lieber v. G. blieb keinem Professor einen Dreier schuldig, das ist alles, was ihm zum Ruhm im Testimonio behauptet werden können, wenn er ein dergleichen Ding nötig gehabt hätte. Ich studirt' in seiner Seele als sein Sachwalter und