1778_Hippel_037_17.txt

? – Würden sie wohl sein und bleiben, was sie sind, wenn nur wenigstens Boden zur Freiheit und zum Ruhme in ihnen wäre? In Curland ist Freiheit und Sklaverei zu haus."

Mein Vater war eben kein grosser lettischer Sprachkünstler; wer aber eine Sprache in ihrer ganzen Länge und Breite versteht, kann über alle Recht sprechen. Er versicherte, nie Fussstapfen von Heldenliedern aufgefunden zu haben, wohl aber Beweise, dass schon ihre weitesten Vorfahren gesungen hätten: und wo ist ein Volk, fragte er, das nicht gesungen hat? Er hatte (wie er's nannte) eine G a r b e zärtlicher Liedlein gesammelt, wovon ich seine Uebersetzung besitze, die ich vielleicht mitteilen kann, und wodurch dem u n d e u t s c h e n O p i t z des Herrn Pastors J o h a n n W i s c h m a n n kein Abbruch geschehen soll. Wenn ich nicht diese G a r b e in Händen hätte, würde ich doch vom Urteil meines Vaters, der kein Curländer war, die Appellation einzulegen anraten. In diesen Liederchen herrscht bäuerisch-zärtliche natur und etwas dem volk eigenes. Die Uebersetzung ist noch meines Vaters Manier.

Weil wir bei den Sprachen sind, muss ich noch bemerken, dass mein Vater nur blutwenig hebräisch, arabisch und chaldäisch u.s.w. aber gar nicht wusste. Er hatte sich wegen des Hebräischen im Anfange vielen Nachreden ausgesetzt, da er so ehrlich gewesen, die Grenzen seiner Kenntnisse nicht zu verbergen. Nach der zehnten Hauptverfolgung, die mein Vater dieserhalb in Curland erlitten, zog ein sehr geschickter Conversus (jüdischer Christ oder getaufter Jude) unsere Strasse, und dieser brachte meinem Vater das Jüdischdeutsche in wenigen Stunden bei. Er hatte den Einfall, auf diese Art an einen seiner Herren Amtsbrüder, der über ihn den grössten Stock g e b r o c h e n h a t t e , zu schreiben, und da es dem guten mann unmöglich fiel, diese Schrift aufzulösen, kam mein Vater in einen so grossen Ruf wegen der Grundsprache, dass dieser böse Herr A m t s b r u d e r m i t d e m g r o ss e n S t o c k e meinen Vater für einen getauften Rabbiner gehalten haben würde, wenn meinem Vater damit gedient gewesen wäre. Ob nun gleich dieser Conversus meinen Vater wie einen Brand aus dem Feuer zog, und meine Mutter die Aufmerksamkeit bemerken konnte, die mein Vater für diesen seinen Retter fasste, war sie doch anfänglich sehr wenig mit diesem Hieronymo a sancta fide zufrieden. Sie probirte seinen Glauben täglich mit Schweinefleisch, und da mein Vater ihr diese Mode verwies, andere Gerichte anordnete und den ehrlichen Sprachmeister von dieser Tortur und christlichen Daumenstöcken befreiete, war sie der Gesinnung jenes Königs von Spanien, welcher gesagt hat: drei wasser verdürben; das süsse wasser im salzigen Meer, das wasser im Weine, das Taufwasser auf dem jüdischen kopf. – "Das wasser im Weine," sagte mein Vater, "mit erlaubnis Sr. katolischen Majestät: der Wein im wasser." – Meine Mutter gab nicht sogleich die Allianz mit dem Könige von Spanien auf; indessen wurde am Ende alles beigelegt, und die liebe Frau ging einen für ihren Gast sehr vorteilhaften Frieden ein. Sie fand sogar ein rührendes Vorbild in dieser Einigkeit von der Bekehrung der Juden vor dem jüngsten Tage, welche der Conversus steif und fest nach seiner Versicherung glaubte, und worüber mancherlei und manches geredet wurde. Meine Mutter war sehr für schriftliche Aufsätze, mein Vater, wie alle Leute seiner Art, fürs Mündliche. Die gute Frau war entschlossen, dem Converso eine schriftlich abgefasste Instruction mitzugeben, da er fröhlich seine Strasse zog; indessen blieb es doch bei einer mündlichen.

"Wanken Sie weder zur Rechten noch zur Linken. Wer beharrt bis ans Ende, der wird selig. Die Beständigkeit sei um Sie wie ein Kleid, das Sie anhaben, und wie ein Gürtel, womit Sie sich gürten. Wie ein frisches Hemde am schwülen Tage sei Ihnen der Trost des christlichen Gewissens. Vater und Mutter haben Sie verlassen, aber der Herr hat Sie angenommen. – Sie werden nicht bloss ein Grasbürger, ein Einwohner der Vorstädte in der Stadt Gottes sein, sondern mit Ehren und Schmuck werden Sie in die Hauptstadt eingehen: Ihr Kern und Stern bleibe das Lied:

Keinen hat Gott verlassen,"

setzte sie hinzu, "Sie sind ihm diese Dankbarkeit schuldig."

Der Conversus hatte ihr erzählt, dass für ihn diess Lied der Wecker zur christlichen Religion gewesen, und ohne Zweifel war diese Erzählung der Eckstein Mein Vater wünschte schlechtin eine glückliche Das Einträglichste bei dieser Sache war, dass die g r ü ss e n , und wusste sich so vortrefflich, ohne die geringste Unrichtigkeit sich zu Schulden kommen zu lassen, bei Ehren zu erhalten, dass, so oft er irgend einen Confrater zum Zuhörer hatte, er den Grundtext tapfer citirte und oft zwei bis drei Verse aushob. Wenn es gleich auf Treue und Glauben eines Andern, wo nicht Dritten, geschah, und sein G r u n d z e u g n i ss beständig von Hörensagen war, so hatte er doch seine Leute viel zu gut kennen gelernt, und war bei dieser Proclamation kein Einspruch zu fürchten, so dass er sich zuletzt ganz dreist ein B e h o l z u n g s