der Lehrart zufrieden, bei Worten das Gedächtniss zu stützen und sich Merkzeichen zu machen. Man hat, sagte er, alsdann Bild und Wort zu behalten. Ein Stammvater von Worten aber diente mir zum Leitfaden bei tausend, zum Nagel im Kleiderschrank, wo man zehnerlei aufhängt. Ich lernte den Stammvater, und wusste Sohn, Enkel, Urenkel, und Ururenkel und Ur Ur, so viel man will.
Die lettische, curische oder undeutsche Sprache lernte ich von meiner Mutter und dem Herrn Jachnis (Johann), dem Aufseher über die Pastoratsbauern oder den Gottes-Berat. Das Pastoratshaus nannte ihn Herr Jachnis und sein Weib Frau Masche (Margarete), er aber meinen Vater, wenn er gleich deutsch mit ihm sprach, Zeenigs machzitajs (wohlgelahrter und hochzuehrender Lehrer), und aus diesen Namen, die er gab und die ihm gegeben wurden, werden meine Leser ersehen, dass man diesen Menschen halb lettisch, halb deutsch nahm. Es hatte Herr Jachnis den semgallischen Dialekt, der um Mitau herum residirt, und ausser diesem semgallischen Dialekte, nach welchem die Bibel ins Lettische gedolmetscht worden, hatte er noch ein F l i c k von einem B r u s t t u c h , welches einer seiner Vorfahren aus der eigenen Hand des Herzogs Gottard erhalten, da er ihm das Evangelium am Sonntage Palmarum in undeutscher Sprache aufsagen können.
Mein Vater unterstützte die hohe idee, die Herr Jachnis, der sich auch wohl von den Pastoratsbauern Amtmann nennen liess, von dieser Reliquie hatte. Er liess es sich zuweilen zeigen und ermahnte ihn, sein geistliches Ordensband wohl zu bewahren. Hiezu brauchte Herr Amtmann Jachnis keine Aufmunterung, denn er machte kein geheimnis draus, dass dieses R i t t e r f l i c k bis an den lieben jüngsten Tag beim Aeltesten in der Familie bleiben sollte.
Meine Mutter ärgerte sich, so oft davon geredet wurde, und versicherte auf Ehre, Pflicht und Gewissen, dass dieses Stück Gewand fünf und mehrere Male verwechselt wäre, und hierin schien sie auch um so mehr Recht zu haben, als es noch ziemlich ungebraucht war. Sie legte es ihm zur Last, dass seine Vorfahren nicht lieber ein Stück von dem Psalmbuche zurückgelassen, welches der gottselige Herzog Gottard zum Druck befördert, allein gewiss bloss darum, weil einer ihrer poetischen Vorfahren sich darin ein Gedächtniss gestiftet hatte. Mein Vater widerlegte meine Mutter nicht, allein er klopfte dem Herrn Jachnis auf die Schulter und sagte: gut ist gut, besser ist besser. Dieses legten beide, meine Mutter und Herr Jachnis, für sich zum Vorteil aus, so dass sich beide durch ein freundliches Lächeln bei meinem Vater bedankten.
Es lebte meine Mutter überhaupt mit dem Herrn Amtmann in beständigem Streite, obschon sie im grund gute Freunde waren. Sie gab ihm an Stärke in der undeutschen Sprache nicht einen kleinen Finger breit nach, allein sie sah diese Sprache aus dem nämlichen Standpunkte, wie ein Deutscher einen Letten. Weil Herr Jachnis auch ein Deutscher war, sprach er zuweilen von ABC, und gleich brachte ihn meine Mutter in eine solche Enge, dass er nicht aus noch ein wusste. E r z e n Er pflegte sie ihm nachzuspotten (denn, das H fehlet der lettischen Sprache, so wie das C) sagt ABD, sonst würde man euch wegen Dieberei in Anspruch nehmen.
Die Letten haben einen unüberwindlichen Hang zur Poesie, und ob ich gleich gewiss glaube, dieser Umstand habe den poetischen Samen in meiner Mutter ausgestreut, welche schon in ihren Vorfahren mit diesem volk zusammen Früchte eines Feldes gegessen und wasser eines Flusses getrunken, war sie doch in diesem Stücke unerkenntlich. Sie bestritt indessen nicht, dass die lettische Sprache schon halb Poesie wäre. Sie klingt, sagte sie, wie ein T i s c h g l ö k k c h e n , die deutsche aber wie eine K i r c h e n g l o c k e . Sie konnte nicht läugnen, dass die gemeinsten Letten, wenn sie froh sind, weissagen oder in Versen reden, und wenn sie das Gegenteil hätte behaupten wollen, würde Herr Jachnis mit den lieben Pastorats-Angehörigen den Gegenbeweis geführt haben. Herr Jachnis und seine Untergebenen liessen keine Ernte, keine Hochzeit, keine Leichenwache vorüber, wo nicht geweissagt wurde. Bei allen Talcken oder Tagesarbeiten, wo die Leute im Schweisse ihres Angesichts h e r r l i c h n a c h l e t t i s c h e r Art bewirtet wurden, bewiesen sie, dass sie poetischen Geistes Kinder wären. Meine Mutter fand, dem Herrn Jachnis zum Hauskreuz, an dieser p o e t i s c h e n B l u m e n l e s e , die ihr zugeeignet wurde, beständig etwas zu rügen, und wenn's auch nur das I und U gewesen wäre, welches die Notelfer der Letten sind, so oft es an einer Sylbe gebricht.
Es sind viele, welche behaupten, die Letten hätten noch Spuren von Heldenliedern, allein diesen vielen widerspricht mein Vater: "Das Genie der Sprache, das Genie der Nation ist ein Schäfergenie. Wenn sie gekrönt werden sollen, ist's ein Heu- oder höchstens ein Kornkranz, der ihnen zustehet. Ich glaube, Helden gehören in Norden zu haus, wo man härter ist und fast täglich wider das Klima kämpfen muss: die Letten könnten also hierzu Anlage haben, wo ist aber ein Zug davon