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den heute Begrabenen einen Z u g v o g e l nannte. Da ich die Verfassung dieses ehrlichen Drosselpfarrers hörte, fand ich die Erklärung, die er von den letzten Worten:

und für

gemacht hatte, der Sache so vollkommen angemessen, dass ich überzeugt war, das Geld hätte nicht besser angelegt werden können, wenn es ins Hospital gekommen wäre. Die sogenannte Pastoralklugheit ist, in einer guten Uebersetzung, eine wohlehrwürdige Bemühung, auf anderer Leute Kosten zu leben; bei unserm Drosselpastor nicht also.

Ich erkundigte mich noch nach verschiedenen Umständen des zur Ruhe Gebrachten; allein ausser dem, was der gute Pfarrer in der Kirche angebracht, wusst' er kein Wort.

Ich gab dem Pastor loci für den Alten, der sich in einem finstern Kirchenwinkel aufgestützt hatte und die Worte:

Und bescheide meinen Erben

Einen Gott, der wird nicht sterben!

überlaut sang, eine Kleinigkeit, um sie ihm morgen abzugeben. So hat er, sagt' ich, zwei frohe Tagedenn wenn er gleich Alters wegen nicht getragen hatAllerdings, fiel der Pfarrer ein, ich habe die Anordnung gemacht, dass sie alle was zu essen und zu trinken haben. Der Alte ein teil mehr, weil er noch ausser den grossen Kindern drei kleine Kinder zu

Da der Pastor hörte, dass wir auf die Akademie gingen, wünscht' er uns tausend Glück. Mit einer besonderen Freude, die ihn wohl kleidete, erzählt' er von seinen akademischen Jahren, wo er sich alles ganz genau zu besinnen wusste, wie alle von gewissen Jahren, die nach Art von Leuten, welche trefflich in die Ferne sehen, schlecht aber in der Nähe sehen können, alles haarklein wissen, was in ihrer Jugend geschah, wenig aber oder gar nichts von dem, was gestern und ehegestern vorfiel. – Das ist die beste, beste Zeit, sagt' er, sobald man ein lastbares Geschäftsvieh wird, ist's aus. Ich pflüge zwar Gottes Acker, indessen fallen doch all' Augenblicke Menschensatzungen vor. Wohl dem, mein Herr v. G., dem die Geburt das Recht gegebenein Mensch zu sein für ein Amt zu halten. "Wenn Jagden dabei sind," fiel ihm Herr v. G. ein.

Der ehrliche Pfarrer liess sich merken, dass er herzlich gern einen Adjunctus hätte, und wenn es auch nur der Gesellschaft und der Maulbeerbäume wegen wäre, welche das e h r w ü r d i g e C o n s i s t o r i u m ihm zu pflanzen ausgegeben hätte. Endlich kam seine Tochter Marte hinter dem Berge hervor, und man sah wohl, dass der Adjunctus nicht bloss seiner Gesellschaft und der Maulbeerbäume halber gewünscht ward. Noch hat er keinen gefunden, der einen so überwiegenden Drosselgeschmack gehabt, dass er ihm andere Vorteile aufzuopfern kein Bedenken getragen hatte. – Man sagt, setzte er hinzu, dass man darum nicht gern ein Testament mache, damit den Erben nicht die Zeit zu lang würde; allein ich versichere auf Ehre, dass ich bei der Anfrage meines Schwiegersohns, w i e i c h g e r u h e t u n d w i e i c h m i c h b e f ä n d e ? keine Falschheit vermuten würde.

Die Gegend war wüst und öde. Ich habe keine Biene gehört, und ich wollte was drum geben, dass hier kein Bienengewächs im ganzen Bezirk aufzutreiben gewesen.

Nachdem der Pastor drei bis vier Gläser Wein getrunken hatte, sang er das Studentenliedchen:

Vivat Academia!

Nach dem lied (dachte' ich mit einem Verwunderungszeichen), nach dem lied:

Lieber Gott, wann werde' ich sterben? Indessen, wenn gleich ein solcher Zugvogel nicht tagtäglich kommt, so wird ein Prediger doch mit der Zeit mit dem tod so bekannt, wie eine geübte Wöchnerin mit einer Entbindung. Mut, das bin ich vollkommen überzeugt, ist nicht Stärke der Seele, sondern Bekanntschaft mit dem gegenstand.

Unser alter Pfarrer war nicht ohne Empfindung; er ward sehr leicht rot, wenn man ihn nur mit einem blick etwas zu hart anfühlte. Gleich rotist ein so sicheres Zeichen von einem empfindlichen als empfindsamen Menschen, von einem Menschen, der sich fühlt, und der auch fühlt, was um und neben ihm ist; so wie es was Sanftes, was Weibisches verrät, wenn man Musik liebt! – Der gute Pastor! in Wahrheit, er brauchte keinen andern Beweis von seiner Frömmigkeit, als sein heiteres, Gott ergebenes Auge, in dem Ruhe und Zufriedenheit lag. Ich will nicht, sagt' er, wie Israel über die Wachteln murren, und wär' es auch der vierzig Wüstenjahre, der vierzig Festungsjahre wegenich bin schon, fügt' er seufzend hinzu, zehn Jahre bei dieser Wachtelstelle.

Es wusst' unser Gast nicht viel von dem Zustande der Königsberger Universität, ausser, dass er uns einen Catalogum lectionum aus den Intelligenzzetteln vorwies und uns versicherte, dass es noch bis jetzt nicht friedlich herginge; er war ein Inpietist, denn einen Ortodoxen kann ich ihn nicht nennen, falls nämlich die Ortodoxie, wie ich fast vermute, eine Strenge der Observanz ist, sich und andere an angenommene Regeln zu binden. – Ihm schien der Pietismus so sehr nicht zu Herzen zu gehen, obgleich er nicht umhin konnte zu bemerken, dass die Pietisten viel sähen, was kein Inpietist sähe, und viel empfänden, was