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Weil'

Arm und elend sind auf Erden,

Und am Ende Erde werden.

Ich mit allen meinen Brüdern

Lebe eine kleine Zeit,

Trag' ich nicht in allen Gliedern

Samen zu der Sterblichkeit?

Geht nicht immer da und dort

Einer nach dem andern fort?

Und wie mancher liegt im grab,

Den ich hoch geehret habe.

Aber, Gott, was werde' ich denken,

Wenn es wird zum Sterben gehen!

Wo wird man den Leib versenken?

Wie wird's um die Seele stehen?

Ach, ein Kummer fällt mir ein:

Wessen wird mein Vorrat sein?

Man hätte glauben sollen, das Gewissen hätte beim guten Pfarrer wegen seiner Erklärung der Worte u n d f ü r diese Reihe mitgesungen; allein ich versichere auf Ehre, das Gewissen gab seine stimme nicht dazu. – Beinahe möchte' ich das Gewissen auf ein Haar kennen, wenn es mitsingt. – Es hält selten Melodie, singt lahm und so, als dürft' es nicht.

Schriebe meine Mutter diess Buch, sie hätte von diesem lied seinen Buchstaben ausgelassen; indessen will ich einigen meiner Leser diesen Gefallen tun.

Die ganze Gemeinde, o Gott! wie inbrünstig sang sie diese Zeilen:

Lieber heute noch als morgen,

Ich verzeih' es gern d e r W e l t ,

Dass sie alles h i e r b e h ä l t ,

Und bescheide meinen Erben

Einen Gott'. – der wird nicht sterben!

Vorzüglich fiel mir ein alter Mann bei dieser Stelle auf, der unfehlbar nicht mehr Träger wegen seiner sehr hohen Jahre sehen konnte, und sich in einem etwas finstern Kirchenwinkel aufgestützt hatte. – Ich hätte mich nicht entalten können, diesem Aufge

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stützten etwas aus meinem ανεχου κα` απεχου zu geben, wenn ich es bei mir gehabt. – Diesem alten mann gehörte, das merkte man, noch ein Haufen Kinder an, der um Brod schrie. Es war recht, als wenn alle diese Kleinen mitleierten.

Z w i n g e d i c h n i c h t , schreibt meine Mutter, ohne Geld auszugehen, das heisst: aus einem guten ein schechter M e n s c h w e r d e n w o l l e n . – Diessmal freut' ich mich aber, ohne dieses versiegelte Schatzpäckchen gewesen zu sein, da ich zu haus kam; denn ich hätte mich in Wahrheit nicht gehalten und meines Vaters Auflage geradezu entgegengehandelt! "I n d e r g r ö ss t e n N o t h !" Diess brachte mich zum Gelübde bei mir selbst, diess Schatzpäckchen nie bei mir zu tragen. Ohne Geld aber, liebe Mutter, werde' ich nicht ausgehen.

Bei der letzten Strophe, die ich meinen Lesern auch nicht entziehen will, war der Ton ganz anders:

Herrscher über Tod und Leben,

Mach' einmal mein Ende gut!

Lehre mich den Geist aufgeben

Mit recht wohlgefasstem Mut!

Hilf, dass ich ein ehrlich Grab

Neben frommen Christen hab',

Und auch selber in der Erde

Nicht zu Spott und Schande werde!

Ob nun gleich der Alte, den ich bis oben zu begraben gesehen, nicht der mit dem einen Handschuh war, als welchen Handschuh ich mitin ebenso wenig als den Segen dieses Himmlischen aus seiner Hand erben konnte, so war ich doch sehr belohnt, dass Mittag und Abend in einemweg gehalten ward. – Ich dachte' an M i n e , wie beim Schloss in Mitau und bei aller gelegenheit, und wie hätte wohl ein Vorfall, der mich zum Stehen, zum Denken bringen konnte, nicht zugleich Mine und ihn in einem Paar darstellen sollen? Wenn man liebt, ist überall schöne natur für den Liebenden.

Mein Reisegefährte kam eben von der Jagd und hatte drei Vögel erlegt, die wir uns braten liessen. Ich hatte noch nichts gegessen und er hatte sich weidmännlich ermüdet.

Indem wir uns niedersetzten und ich ihm von meinem toten, er mir von seinen drei Vögeln erzählte, pflastergeruch, so dass der Pastor die ganze stube würzte.

Er konnte nicht unterlassen, denjenigen, der heute ihm die Ehre getan, sein Zuhörer zu sein, näher kennen zu lernen, und da wir aus seiner Art sich zu führen uns überzeugten, dass er nicht abschlagen würde, mit uns vor'n Willen zu nehmen, so baten wir ihn, seine Kapuse abzulegen. Der Herr v. G. erzählte, eben drei Vögel geschossen zu haben. E b e n d r e i ? sagte der Pastor und fand hiebei was Besonderes. Der Mann einen Vogel! beschloss ich, und der Pastor konnte nicht aufhören zu wiederholen: e b e n d r e i ! Der arme Pfarrer entdeckt' uns gelegentlich seine recht schlechte Verfassung. – In Curland, sagt' er, sind meine Herren Amtsbrüder Edelleute! Mögen sie doch. – Wenn ich nur einen bessern Fang wie vor'm Jahr hätte!

Diesen Wunsch klärt' er uns durch die Erzählung auf, dass er auf den Drosselfang gewiesen wäre und dieses ein Hauptaccidenz bei der Pfarre sei. – Unfehlbar war dies die Ursache, warum er: e b e n d r e i ! so oft sagte. Wir öffneten dem armen Pastor noch unsern Esskorb, den uns die Frau v. G. reichlich gefüllt hatte. Unser Wein war ihm Labsal. – Ich konnte mich kaum des Lachens entalten, da er