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e s H e r r n Freude.

Diese Worte wiederholte der Sterbende unzähligemal, und allemal mit einer Freude, die wie Kraft der zukünftigen Welt aussah.

Er hatte in Rücksicht seiner wohnung nichts weiter auf seinem Herzen, als die Bitte, seinen Tod in – –, wo er zu haus gehörte, zu melden und alle, die sich seiner erinnern sollten, grüssen zu lassen.

Er hatte nicht Frau, nicht Kind. Gehabt zwar beides, allein beides war vorausgegangen, um ihm dort entgegenzukommen. Gott ruft mich, schreibt er, zu rechter Zeit. Ich habe meine Schulden bezahlt und bin keinem weiter als dem lieben Gott schuldig, der mit mir wahrlich, das hoff' ich, anders rechnen wird, als meine Verwandten. – Die mir zu tragen schwergewordenen vierzig Gulden bleiben zu meinem Begräbniss und für

U n d f ü r waren seine letzten Worte.

Ich hätte diesen Bruch, fuhr der Pfarrer fort, heben und es so erklären können: u n d f ü r den Pastorem loci; denn ich hab' ihn zweimal mit Gottes Wort besucht und den glimmenden Docht der Hoffnung, die in ihm war, so wenig ausgelöscht, dass ich ihn vielmehr vollends anfachte; – allein ich hab' Euch auch all' an diesem u n d f ü r teil nehmen lassen wollen. Den Organisten und die Leichenbegleiterund an uns allen verdient der Selige einen Gotteslohn!

Mir fiel eine natürliche Erklärung des u n d f ü r ein. Da schon des Begräbnisses erwähnt war, so hat der Selige, dachte' ich, mit seinem u n d f ü r die Dorfarmen gemeint; denn in Wahrheit, das waren bei seinen Umständen seine nächsten Anverwandten. – Es gehen freilich verschiedene Sterbende, die noch viel Unrecht auf ihrem Herzen und Gewissen haben, zur beichte, um am Himmel nicht aufgenommen zu werden; sie lassen sich hier plombiren, um dort bei der Himmelspforte sich keiner Revision auszusetzen, und da trägt es sich freilich wohl zu, dass dem Geistlichen, dem Besucher, etwas in die Hand gedrückt wird. – Unser Todter, das wett' ich, nicht also!

Wohl dem! rief unser Pfarrer aus, wohl dem, der, solang er mit seinem Bruder auf dem Weg ist, das heisst, so lange sie beide die Strasse dieses Lebens gehen, ihm ersetzt, was er ihm Unrecht getan, dem abbittet, den er beleidigt, den in integrum restituirt, den er beschädigt hat. Wohl dem, der alles mit warmer Hand abträgt! denn wie leicht kann der Gläubiger sterben? und die Ersetzung ist alsdann nicht möglich; wie leicht kann der Lebens' lauf des Schuldners gehemmt werden und wie leicht kann es kommen, dass sie aufhören, einen und denselben Weg zu wandeln? Weh' alsdann dem Schuldner! Alles ist aus! – Er kann nicht mehr bezahlen, so gern er auch wollte. Seine Münze galt nur in dieser Welt, mit einem ewigen Vorwurf geht er in die Ewigkeit über. Diese Stelle überwog die ganze Predigt. Wer sie liest, der merke drauf, solang er eine w a r m e Hand hat, solang er noch auf dem Wege mit seinem Gläubiger ist und mit ihm lebensläuft!

Es starb der Selige (meine Leser hören wieder den Pastorem loci), seines Lebens müd' und satt, mit der dringenden Bitte, ihm auf unserm Gottesacker ein Räumlein zu gönnen, bei frommer Christen Grab. So wie Abraham zu den Kindern Het, nach dem ersten Buch Mose im dreiundzwanzigsten Capitel, im vierten Vers sprach:

Ich bin ein Fremder bei euch, g e b e t m i r B e g r ä b n i ss ; so sprach auch unser Seliger, und obgleich er nicht vierhundert S e k e l S i l b e r s , das im Kauf gang und gebe war, wie Abraham zu bezahlen im stand war, so war unser Alter doch auch nicht der Abraham und wir nicht die Kinder Het. – Das Plätzchen, das wir ihm verstattet, ist kein Erbbegräbniss, wer wollt' auch seine Anverwandten mit den zweitausend Gulden Capital und den Verzögerungszinsen zur Nachbarschaft haben! Man erzählt, dass hände, die ihre Eltern geschlagen, nicht verwesen, sondern aus dem grab herauswachsen, obgleich ich viele ungeratene Kinder, bisher aber, leider! noch keine herausgewachsene Hand gesehen habe. – Wahrlich, wir würden alle die hände der Anverwandten unseres Seligen sehen, wenn diese Sage wahr wäreund die Hand des Senioris Familiae, hager und ungestaltet, mit langen, unabgeschnittenen Nägeln. – Wie schrecklich! – Neinnicht für hundert Sekel Silbers, das im Kaufe gang und gebe ist, nicht für tausend! – Für dich aber, Seliger, machet die Tür unseres Kirchhofs weit und die Tore hoch, damit er bei uns einziehe! – Wenn der Fall nicht so, wie er wirklich ist, gewesen wäre, wir hätten keinen Dreier für dieses Plätzchen genommen. – Die Kirche dankt dir, lieber Seliger, für das, was sie durch meine Hand erhalten hat, und ich danke dir für das, so uns allen zugewendet worden, bis auf den letzten Träger. Judas verriet wegen dreissig Silberlingen seinen Meister. – Hier sind freilich nur vierzig Kupferlinge, und es ist allerdings mehr S c h e i n als S e y n dran, indessen, wie bald wird sein abgetragener