Mann auf seine Füsse.
Ich will hin, ich will hin – und wenn ich seinen einen Handschuh erben könnte! – O welch eine Erbschaft hätt' ich getan!
Der Hauswirt nahm, während dieser heiligen Entschlüsse, Tabak und zog ihn sehr hoch in die Höhe.
Jetzt erst wandt' ich mich zu unsern Fuhrleuten, um sie zu überreden, den Mittag und Abend in einem weg zu halten.
Abgemacht,
Der Herr v. G. erkundigte sich nach wild – und ich ging spornstreichs in die Kirche.
Eben hatte der Pfarrer den Text, den er zu der Leichenpredigt ausgesondert hatte, verlesen. Den Spruch fand der Leichenprediger in der Schreibtafel des Seligen aufgeschrieben und d r e i m a l unterstrichen. Er steht in der zweiten Epistel an die Corinter im sechsten Capitel, vom vierten bis zehnten Vers:
"Sondern in allen Dingen lasset uns beweisen als die Diener Gottes, in grosser Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Aengsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhren, in Arbeit, in Wachen, in Fasten, in Keuschheit, in erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, in dem heiligen geist, in ungefärbter Liebe, in dem Worte der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch Waffen der Gerechtigkeit, zur Rechten und zur Linken, durch Ehre und Schande, durch böse Gerüchte und gute Gerüchte, als die Verführer und doch wahrhaftig, als die unbekannten und doch bekannt, als die Sterbenden und siehe wir leben, als die Gezüchtigten und doch nicht getödtet, als die Traurigen, aber allezeit fröhlich, als die Armen, aber die doch viel reich machen, als die nichts inne haben und doch alles haben."
Ein Tema pflegt bei den Geistlichen ein leeres Haus zu sein, wo man mancherlei und manches anschlagen kann, ein Nagel, an den man viel hängt; ich weiss nicht, ob man nicht auch in diesem Sinn sehr richtig sagen würde: man m u ss nicht zu v i e l an einen Nagel hängen.
Das Ziel, nach dem der Pastor loci anlegte, war der S c h e i n und das S e y n des Christen! Meine Mutter hätte, wenn sie selbst diese Leichenpredigt gehalten, kein gereimteres Tema gefunden; ich für mein teil hatte alle Fassung nötig, um mich zurückzuhalten. – Ich brannte vor Begierde, den Sarg dieses Seligen aufzusprengen und mir einen Segen abzufordern. Es war sehr zu merken, dass ich dem Pfarrer ein Meteor war und ein unverhoffter Gast – er haspelte seine Predigt in höchster Eile herab; indessen verzählt' er alle Augenblicke die Fäden, und diess zwang ihn, von neuem zu zählen. – Endlich die Nutzanwendung zum S c h e i n und S e y n .
Meine Geliebte! der selig Verstorbene schien uns anfänglich ein Mann nach der Weise Melchisedech. Ich fragt' ihn nach dem Namen, Geburtsort, Vaterland; ob er noch in dieser Welt etwas zu berichtigen hätte? Auf alle diese fragen nicht eins zur Antwort.
(Ich ward über und über rot, und nun erschien mir der Pfarrer als ein Meteor und ein ungebetener Gast, und das Aergste bei dieser Verlegenheit war, dass ich nicht haspeln konnte. Nichts ist einem Verlegenen heilsamer, als wenn er reden kann; er fällt zwar immer tiefer darein, indessen ist es ihm Labsal, reden zu können, wenn er auch nur stammeln und stottern sollte. Er ist wenigstens vor einer Seelenlähmung sicher, die eben so, wie eine körperliche, oft zeitlebens auf die Seele einen Einfluss hat. Die Zunge ist in solchen Fällen Ventilator in einem stockigen Zimmer. – Sie bringt frische Luft herein.)
Da ich einsah, fuhr der Leichenprediger fort, dass unser Seliger Ursachen zur Zurückhaltung hatte, wandt' ich schnell um und klopft' an eine andere Tür, die zum Seelenheil führt. Hier blieb er mir kein Wort schuldig. – Nach seinem seligen Hintritt klärte sich alles auf. Er fand nicht für gut, zu erzählen, was seine Schreibtafel entielt, er wollte sich nicht die Augenblicke entwenden, die er himmlisch anwenden konnte. Sein Wandel war nicht von hier, sondern von droben. – Das erste, was ich öffnete, war seine Schreibtafel, die wie ein Communionbuch gebunden war. Seinen Geldbeutel, worin vierzig Gulden waren, öffnete ich nachher.
(Ich war im preussischen Gelde ganz unerfahren, und ich muss mich noch hüten, um ja hiebei nicht wider das Costüm zu sündigen.)
In seinem Communionbuch von Schreibtafel fand ich mehr als ich gefragt hatte. Man pflegt oft in Schreibtafeln das Geheimste, das man oft seinem geheimsten Rate nicht entdeckt, zu finden. Es ist der Männer Schoosshündchen.
Unser Seliger heisst – – – – – –
Ha! kunstrichterlicher Leser! da hattest du schon deine Bleifeber zum Strich gespitzt. – Wieder einer o h n e Namen, e i n e u n b e n a n n t e G e s c h i c h t e ! Stecke dein Schwert in die Scheide; denn wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen, und damit ich bei dieser gelegenheit auch an eine andere Tür anklopfe, die zum Seelenheil führt, bet' ich ein Vater unser für dich! – damit du nicht vielleicht ohne Namen dahin fährst in deinen Sünden. – Halt den Hut vor!
Ne nos inducas in tentationem,
Sed libera nos a malo. Amen