so stolz sein können, wenn man ihre Fortpflanzung per traducem sich träumet, wie Herr v. G. auf alle Nepos wollas, als die Insignien eines Edelmannes in Polen und Curland. Was ist denn, fing ich an, in Mitau? Man muss es zu Johanni sehen! erwiderte er. Dann ist's illuminirt, erwiderte ich, und wann die Lichter ausgebrannt sind, was ist's dann? Kennst du ein Johanniswürmchen? fragte ich zur Wiedervergeltung; ich will es dir präsentiren. Es ist ein Würmchen, g r ü n l i c h t auf dem Bauch. – Hier hat es auch ein kleines Bläschen, welches einen grünlichen hellen Glanz wirft; sobald diess Bläschen sich einzieht – weg ist ihr Glanz. Die Existenz dieses Würmchens währt nur einige Sommernächte. – Mein Reisegefährte lachte – ich mochte nun denken, dass der Superintendent in Mitau sei oder nicht, so war es mir doch so, als ob ich nicht in Curland, sondern da zu haus gehöre, wo man früher Spargel isst, eine Pfeife in der freien Luft raucht, den Wein bei der Quelle hat und lange Manschetten trägt. Kein Wunder also, dass Mitau nicht meine Residenz war. In Curland gehörte ich in unserm Pastorat und auf dem Gute des Herrn v. G. zu haus. Ueberhaupt scheinen die Curländer zu keiner Stadt Lust und Liebe zu haben. Sie gehören auf's Land, wo sie auch Geschmack anzubringen wissen. – Sie sind gestiefelt und gespornt, und es lässt keinem Curländer, wenn gleich er sich in Unkosten setzt und Schuhe und Strümpfe anlegt. Sie sind geborne Cavalleristen. Wenn sie geputzt sind, muss es ihr Pferd auch sein. Ich habe allerliebste Reitund Jagdkleider in Curland gesehen, die Mitgabe meines Reisegefährten kann hier zum Beleg dienen, unerachtet sein Herr Vater durchaus keinen Jäger auf der Universität haben wollte, seinem Sohn den Satan abschlug und unter lebendigen Tieren die Hühner in Vorschlag brachte.
Unsere P r e u ss e n verzögerten uns beinahe zwei Tage, ehe wir endlich die curische Residenz verliessen. Das herzogliche Schloss hat so wenig verhältnis zu dem übrigen teil der Stadt, als das Mitausche Pflaster zur Regelmässigkeit und Ordnung. In Wahrheit, wenn man die Nation beschreiben wollte, müsste man Mitau beschreiben. Ich fiel auf den Gedanken, indem ich diess niederschrieb, ob nicht jede Residenz das Land im verjüngten Massstabe sei, allein ich habe mich geirrt; es gibt so viel Ausnahmen, so viel ungeratene Söhne bei dieser Regel, dass die Regel selbst den Mutternamen Regel nicht verdient. – Unter dem Alltäglichen, was auf der Reise vorkommt, fielen mir die armen Menschen auf, die an Hecken sitzen und sie den Reisenden öffnen. In Wahrheit, dachte ich, das können nicht alles Leute von niedriger Geburt sein. Ich sah einen alten Mann in einem dergleichen Diogeneshäuschen an der Hecke, der einen so vortrefflichen Kopf hatte. – Das war wenigstens ein Literatus! und wo anders sah ich ein armes krankes Weib, das in der grössten Behendigkeit aus ihrer Behausung kam und Hand ans Werk legen wollte, allein krämpfige Zufälle lähmten ihr stehenden Fusses die Hand. – Es war rührend anzusehen. Die Preussen wollten ihr keinen Schilling geben, weil sie ein altes Weib war und der Krämpfe wegen die Hecke nicht öffnen konnte; ich entschädigte sie zwar, allein ich musste die Entschädigung auf Gottes Acker, auf die Erde, werfen. – Nicht Geld konnte sie halten. dafür ward ich im Wagen ausgelacht – und wer weiss, was noch der Kritikus tut?
In Wahrheit, wenn sich jemand finden sollte, die Lebensläufe aller dieser Unglücklichen in Diogeneshäuschen zu schreiben, auf einer Reise, die freilich nicht durch die Welt sein dürfte, wie ohnedem noch niemand gereiset ist, gewiss, er wäre ein vortrefflicher Schriftsteller und würde gelesen werden bis an den lieben jüngsten Tag.
Ich hatte, um mir eine Bewegung zu machen, den Wagen verlassen, und hiezu kam noch dankbare Empfindung gegen mein freies Vaterland, die ich unmöglich sitzend aushalten konnte. Ich sah die Gränzscheidung, und da ich eben einen grünen Platz fand, beredete ich meinen gefährten, Curland zu umarmen. Wir legten uns hin, so lang wir waren. – Der Wagen fuhr langsam weiter, so unvermerkt, wie aus einer Monarchie Despotismus wird, wenn sie es nicht schon an sich ist, worüber die Gelehrten noch uneins sind.
Lebe denn wohl, herzlich geliebtes Vaterland! Ich danke dem Himmel, dass dein freier Boden das erste war, was mein Fuss betrat. Das fühlte ich noch! noch! dass er frei war, und ich wünschte, meine Leser möchten es auch, wo nicht überall, so doch wenigstens an einigen Stellen gefühlt haben. natur und freier Staat sind Geschwisterkind und vertragen sich wie Kinder. – Etwas reine klare natur muss bei jedem Werke der Kunst sein, und diess Etwas eignet sich Seelenwürde zu; es ist Seele, es ist göttlicher Hauch, lebendiger Odem in die Nase. Die Kunst, die Verschönerung, ist L e i b . – Man kann in Wahrheit auch die Menschenseele durch den Menschenkörper verschönern. – Nun leider heute zu Tage wird der Körper nicht verschönert, sondern geschwächt. Ich läugne es nicht, dass dadurch, dass der auswendige Mensch gelitten, der inwendige Mensch zum teil zugenommen, wir haben mehr Seele und weniger Körper bekommen; es frägt sich aber, ob wir gewonnen oder verloren haben? Wir