Da sehen dann Genies einen gewissen Zusammenhang zwischen Gott und dem Menschen, und sind Seher, von Gott Angehauchte. Diess ist unendlich mehr, als ein Autodidaktos, ein Selbstgelehrter. Dieser lernt aus Büchern, ein Seher lernt von Gott und aus seiner für ihn aufgeschlagenen Welt.
Mein Vater liess es nie zu Tätlichkeiten bei seinen Strafgerichten kommen, denn ich verurteilte mich selbst, und er bewirkte eben hierdurch eine grosse Absicht. Er erzog nicht einen Sohn, sondern einen Menschen.
Meine Mutter hielt einen Gnadenstoss für notwendig, und wenn sie mir mit ihrer teuern Rechten einen Ritterschlag versetzte, pflegte sie zu sagen: Besser so als anders! – eine freie Uebersetzung von: besser Ritter als Knecht – und dann sagte sie wieder: Wer seinen Eltern nicht folgt, folgt dem Kalbfelle. – In der Hauptsache stimmte sie mit meinem Vater, sie zog nur durch einen andern Weg in eben dasselbe Land. – Regen, der ihr kam, wenn sie die grosse Wäsche vorhatte, die mein Vater scherzweise Fegefeuer nannte, das war ihr G o t t e s s c h l a g , und immer wusste sie, mit welcher Sünde sie diesen Regen beim lieben Gott verschuldet hatte.
Ich entsinne mich, als wär's heute, dass sie meinetwegen einen Stock ergriff, – feierlich wie einen an einer Kreuzfahne, allein sie besann sich, wie Diogenes, der einen armen Jungen mit der Hand wasser schöpfen sah, – sie murmelte: "wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen," und ich habe also nie unterm Gefreitenstock gestanden, sondern nach Prinzenart, da doch niemand ohne Schläge gross wird, bloss Weiberhänden diesen Tribut bezahlt. Meine Mutter nannte diese Zucht L i c h t und R e c h t , und hatte eine sehr feine Distinktion zwischen dem Stabe S a n f t und dem Stabe W e h e , womit meinen Lesern aber wenig gedient sein kann.
Die Sprachen rechnete mein Vater zum Departement des Leibes und der Seele. Man muss, pflegte er zu sagen, nur Eine vollkommen besitzen, das ist reden, schreiben und in ihr denken können. Ein Gott, Eine Taufe, Eine Sonne, Ein Weib, Ein Geist, Ein Leib, Ein Freund, Eine Sprache.
Es gibt, sagte er, keine nackte Wahrheit. Worte finden, heisst denken. Worte sind was Körperliches, was Sinnliches, sie sind die Kleider der Gedanken – Beiwörter der Besatz, Worte der eigentliche Anzug. Wer deutsch gedacht und lateinisch geschrieben hat, ist, wenn er gleich der beste Lateiner wäre, doch ein Deutscher. Cicero würde ihn für keinen Landsmann halten. Um französisch zu schreiben, muss man Franzose sein, um englisch, Engländer. Wer fremde Sprachen zu etwas mehr braucht, als sich andern Leuten, die nicht unsere Mutter kennen, verständlich zu machen, ist allemal ein schwacher Kopf. Es fehlt ihm wo, es sitze das Uebel, wo es wolle.
Mein Vater war bei alle dem so wenig wider viele Sprachen, dass er sie vielmehr nach dem T h u r m z u B a b e l so notwendig, als vielerlei Essen nach dem höchstbetrübten Sündenfalle hielt. Viele Sprachen, bemerkte er, sind viele Creditbriefe. Zeige sie vor, du bist überall willkommen. Kein Türke schlägt einen Christen tot, wenn der Christ türkisch kann, und wenn es noch so viel Religionsverdienst wäre. Die Sprache ist eine Herzensschlinge. Man ist bestrickt, man weiss nicht wie. Doch, warum soll ich alles wiedersagen, was mein Vater sagte? Seine Behauptungen waren ausser der Weise. Er glaubte, es müsste zu kennen sein, was bei Licht oder am Tage, was des Morgens und was des Abends gedacht wäre, wenn's nämlich aufgeschrieben worden. Morgengedanken waren bei ihm wie die Erstgeburt heilig. Da ich mehr mit Credit, als mit eignem Vermögen in der Welt handeln sollte, führte mich mein Vater fleissig zu fremden Sprachen an, und ich musste beinahe alle diese Sprachen zu gleicher Zeit lernen. Alles ohne Donat und Grammatik. Zum Schulmässigen gewöhnte er mich allererst im vierzehnten Jahre, und konnte ich's folglich als Proben ansehen, die man in der Rechenkunst erfunden, um zu sehen, ob richtig gerechnet sei. Mein Vater hielt viel auf wörtliche Uebersetzungen in Sprachen, die noch leben. Hieraus, pflegte er zu sagen, lernt man eine Nation auf ein Haar kennen, und die feinste Politik und Weltkenntniss ist hier verborgen. Diess ist der Chiffer zu den Geheimnissen der Völker. Auch sieht man aus der Sprache, ob's im land kalt oder warm, neblicht oder klar sei. – Er ging hier noch weiter, ich befürchte aber, meine Leser werden nicht weiter gehen wollen. Bei abgeschiedenen Sprachen, fuhr er fort, tödtet der Buchstabe, der Geist aber macht lebendig. Die Griechen nannte er Kirchenväter der natur und ihre Sprache den Grundtext des Geschmacks. Wenn man uns zugehört hätte, würde man uns für ein paar Maurergesellen vom Turm zu Babel gehalten haben. Alles durch einander und doch alles in einander. Mein Vater nahm, wenn er fremde Sprachen mit mir redete, auch fremde Arten an, und das war mir mehr als ein Lexikon! Ich hatte für jede Sprache ein ander Gesicht, eine andere Zunge, eine andere Hand, einen andern Fuss, und besonders eine andere Nase. Worte musste ich lernen, und er war nicht mit