dieser Schwachheit unerachtet, doch, und – das ganz ehrlich, ich entzog ihm nichts.
Grüssen Sie, sagte ich ihm –
Ich werde, erwiderte er.
I c h . Tausendmal –
E r . Tausendmal.
Dieser Gruss gehörte nicht Vater, nicht Mutter, sondern bloss Minen, bloss ihr, alle tausend ihr, alle ihr. – Mir kam es vor, dass der alte Herr es fühlte, wem es galt, und für dieses Gefühl drückte ich ihm die Hand, und er schien überaus mit mir zufrieden zu sein; ich sagte ihm ganz leise: tausendmal, tausendmal!
Herr v. G. sah mich an, und sein blick wollte in Beziehung auf meinen herzlichen Abschied vom alten Herrn sagen: Junger Mensch, dir fehlt E r f a h r u n g ! Man sieht's; sonst würdest du den Hermann so nicht herzen und küssen, den ich nur eben körperlich zur Erde riss; mit seiner Seele mache ichs alle Augenblicke so. Der gute Herr v. G. irrte diessmal mit dieser Geberde. – Zwar hatte er, wie meine Leser so gut wissen als ich, einen naturfindenden umfassenden blick, dass er aus diesem Abschiede hätte wissen können und sollen, Hermann habe eine Tochter, deren Freund, deren Seelenmann ich sei – allein diessmal fand er nicht den rechten Weg.
Die Frau v. G. konnte sich nicht des Lachens erwehren, da sie meinen Feldkessel, den mir mein Vater mitgeben lassen und den meine Mutter nicht zu kennen die Ehre hatte (sonst wäre er gewiss nicht mitgekommen), aufbinden sah. – Der junge Herr v. G. hatte alles nach Jagdmanier, als ob er auf eine weite Jagd sich begeben sollte, obgleich der Herr v. G. der ältere den Satan seinem Sohn abgeschlagen und ihn versichert hatte, "dass jeder Mensch einen Zeitpunkt in seinem Leben haben müsste, wo er zu haus bleibt," obgleich er ihm die Jagd wohlmeinend widerraten und ihm Hühner empfohlen, um nach der Meinung meines Vaters etwas, was Odem hat, um und neben sich zu haben.
Obgleich – so war doch der Sohn wie ein Jäger ausstaffirt.
Der gute Herr v. G. der ältere tat diess in seiner Unschuld. Seht da einen Originalzug von Curland, dem Herr v. G. der ältere nicht ausweichen wollte und konnte. – Die grüne Farbe ist Trumpf.
Herr v. W. schlug eine Begleitung aus Höflichkeit vor, allein Herr v. G. verbat sie nachdrücklich. – Es blieb alles so lange stehen, als man uns sehen konnte, und da wollte ich wetten, Herr v. W. noch ein wenig länger.
Sobald wir ihrem Nachblick entfahren waren, küsste mich mein Reisegefährte von freien Stücken herzlich. – Wir wollen uns einander alles sein – Vater und Mutter, sagte er – ich seufzte, denn ich dachte an Minchen.
Wir langten in der Haupt- und Residenzstadt Mitau an, um hier mit einem Königsbergschen Fuhrmann (man nennt dergleichen Leute Riga'sche Fuhrleute) die Fahrt bis Königsberg zu verabreden. – Ich fand in dem Fuhrmann und seinem Untergebenen ein Paar so gesunde und starke Menschen, dass ich wohl einsah, wie man auch im monarchischen Staat, der Ermahnung des Herrn v. G. auf dem curischen Grase unerachtet, seinen stattlichen Schritt haben, gerade aussehen und sich wohlbefinden könne. – Ich konnte nicht aufhören, diese Menschen zu fragen und sie anzusehen, so dass ich die Haupt- und Residenzstadt Mitau darüber vergass, die am Ende auch nur zur Johanniszeit unter die sichtbaren gehört, und gewiss unter den sichtbaren nicht die vornehmste ist. Um Johanni ist eine allgemeine Wallfahrt nach Mitau; dann lässt der Edelmann, in Begleitung eines Teils Bauern, die Esswaaren und sogar Möbeln an diesen Johannisort nachbringen. Dem Vorreiter ist auf dem linken Arm ein Silberblech aufgenäht, worauf das hochadliche Wappen steht, um Mitau Ehre zu machen.
Ich hatte mir, die Wahrheit zu sagen, einen zu grossen Begriff von Mitau gemacht, woran meine Mutter zum grössten teil Schuld war. Diess bitte ich zu den preussischen Leuten hinzuzurechnen, um das unbeträchtliche Interesse herauszubringen, das ich an Mitau nahm. – Das vom Herzoge Ernst Johann angelegte Schloss, wozu 1738 den vierzehnten Junius der Grundstein gelegt worden, und welches an der Stelle des alten verwüsteten, seit 1269 gestandenen, errichtet worden, stand da zum glänzenden Beweise, dass Plan und Ausführung, Verlobung und Hochzeit, zweierlei sind. Diese Betrachtungen führten mich zu Minen, und was führte mich nicht alles zu ihr?
Meine Mutter würde es mir sehr verdacht haben, dass das anschauende erkenntnis meinen Begriff von Mitau so sehr herabgestimmt. Wohnet denn, würde ohne Integralrechnung ihre Bemerkung gewesen sein, wohnet denn nicht der Herr Superintendent hier?
Mein Reisegefährte war im Mittelpunkt und konnte nicht aufhören zu sehen. Mitau schien ihm
Terrarum Dea gentiumque Roma,
Cui par est nihil et nihil secundum.
Die Hauptstadt der Welt! – obgleich es nicht Johanni war. Die Residenz ist für jeden Edelmann das Treibhaus im kalten Klima. So wie's Arzeneien gibt, die nur durch das heilige himmlische Feuer der Sonne gekocht, gebleicht und getrocknet werden können, so ist auch die Residenz die Insolation in Absicht des Edelmannes. Mein Reisegefährte empfand alle Nepos wollas, die er in seinem Leben geben würde, und Adam hätte nicht auf die Schwangerschaft von allen Seelen, die in ihm lagen,