. Es riss Herr v. G. den allezeit dienstfertigen Hermann auf Gottes Erdboden. Da lag mein Schwiegervater so lang er war. Herr v. G. stand auf, so frisch, als ein Jüngling von fünfzehn Jahren. – Es war bei diesem Niederriss nicht Gewalttätigkeit, sondern nur Stärke. – Es war schön anzusehen!
Den Abschied durchaus im Freien! Er verfliegt eher, sagte Herr v. G. Es ward auch im Freien Abschied genommen. Wollte Gott, fuhr Herr v. G. fort, wir könnten auch so den letzten Abschied nehmen und im Freien sterben! Und warum sollten wir es nicht? Wo ist uns am meisten Gutes geschehen? Der Geist sucht das Freie und wird dort nicht wohnen in einem haus mit Menschenhänden gemacht. Der Tod würde nur halb so schwer sein. Wahrlich, der Mensch entzieht sich zu sehr Luft und zieht eben dadurch Leib und Seele eine Art von Stockung zu. Ward unser Geist denn nicht, wenn er das Freie sucht, schon entzückt, obgleich ihn der Leib wie ein Bleigewicht zur Erde zog?
Die Frau v. G. hatte noch viel auf ihrem Herzen, indessen empfahl sie ihrem Sohne, das Alter zu ehren, und es macht' ihr viele Mühe, die Sache endlich zu drehen, wohin sie sie wollte. Sie sagte, dass sie für einen alten Baum, für einen alten Mann (an eine alte Frau dachte sie nicht) und für eine alte Familie grosse Hochachtung hätte.
Also auch für eine a l t e F a m i l i e ? Ein neuer Edelmann, setzte sie, um es noch eindrücklicher zu machen, hinzu, ist ein Baum, der noch nicht die Blattern gehabt, der noch nicht oculirt ist. – Weiter liess sie ihr Gemahl nicht; das passt, sagt' er, wie die Faust auf's Auge, und in Wahrheit, du weisst nicht, wer Koch oder Kellner ist.
Von der Frau v. W. wieder einen blick – von ihrer liebenswürdigen Tochter ein Lächeln. Leben Sie wohl und glücklich! sagte die Frau v. W. – und glücklich! hallte die liebe Kleine nach. – Die Worte fielen auf den jungen Herrn v. G., allein das Auge auf mich.
Ich weiss nicht, wer auf den Gedanken kam, dass mein Reisegefährte seiner kleinen Braut einen Kuss geben sollte. Ihrem Retter auch einen, sagte Herr v. G. und die Frau v. W., als wenn sie darauf gewartet hätte; freilich, kleine Undankbare, das solltest du von selbst tun. – Ich nahm mich sehr ungeschickt dabei. Die arme Kleine ward rot über rot – und da ich mich zum letztenmal gegen sie beugte, trat ihr eine Träne in ihr blaues schönes Auge, welches so durchschimmerte, wie ein Veilchen durch ein Tautröpfchen. – Gott segne die gute Frau v. W. und ihre Tochter, dachte ich, und den Herrn v. G., der mir zum Kuss verhalf und zu der schönen Träne!
Jetzt war die Reihe an dem Herrn v. W. und dem Herrn Hermann. Ich hatte schon einigemal mich an den Herrn v. W. gewendet, allein er hatte es sehr höflich verbeten, weil es – wie er sich auszudrücken gefälligst beliebte –
noch nicht an ihm wäre.
Er umarmte meinen Reisegefährten und tat mir, wiewohl mit steifem Arm, eine gleiche Ehre an. – Hiebei machte er (weil es eine Abschiedsumarmung war) ein griesgrämisches Gesicht.
Bei meiner Umarmung weniger, bei des jungen Herrn v. G. mehr.
Der Herr v. G. der ältere sagte: Herr Bruder, du siehst ja aus, als ob du vom verbotenen Baum gegessen hättest!
Lass mich, sagte er, und tat so peinlich, als verlöre er ein Glied vom Finger.
Es ist, fing er an, es ist – er unterbrach sich wieder mit einem tiefen Seufzer!
Es ist mein Herr Schwiegersohn, brach er endlich heraus, und die heissesten Wünsche, dass der grosse Gott ihn auf seinen Reisen begleiten, seine Studien zu seiner Ehre und des Vaterlandes Nutzen segnen und ihn zu seiner Zeit in die arme seiner kleinen Braut gesund zurückbringen wolle! – Das, das ist ein teil, der kleinste, von der Empfindung.
Zieh ein Paar weisse Handschuhe auf, sagte Herr v. G., solch eine Rede verdient es; deine Briefe sind alle auf Postpapier mit vergoldetem Schnitt und –
Dieser Eingriff war sehr erwünscht, um den Herrn v. W., der viel zu leiden schien, zurechtzubringen. Ich bin ein Diener der deutschen Sprache, sagte er, Herr Bruder! allein ein gewisses je ne sais quoi suche ich in Gedanken, Geberden, Worten und Werken.
Das ist auf deutsch, du suchst nichts, rein nichts, erwiderte der brave Herr v. G.
Mir konnte Herr v. W. nichts mehr sagen, als Dank! und tausend Dank! – Sein Compliment war noch nicht ausgeknetet.
Du hast mich gestört, sagte er zum Herrn v. G., wie ehegestern die Waldhörner. – Das wundert mich, fiel Herr v. G. ein, du fährst ja sonst immer mit fünf Rädern; auf allen Fall eins aufgebunden – du hättest ja das fünfte abbinden können.
Der alte Herr drängte sich vor, um mich vor aller Augen zu küssen. Ich tat es,