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erzählt nicht gern, was er gesehen und gehört hat und was geschehen ist? Wie viel hört, sieht man und lässt geschehen, bloss um es erzählen zu können? Und wer hat nicht wenigstens etwas (mancher hat viel), so er vor seinem vertrautesten Freunde, seinem weib, seinem kind verbirgt?

(Der Herr v. G. lächelte, ich aber dachte an das Land,

wo man früher, als in Curland, Spargel isst, den Wein

bei der Quelle hat und lange Manschetten trägt, ich

dachte an den Melchisedech und –)

Mit sich selbst kann man nur kurz sprechen. Das v o r s i c h muss noch kürzer im gemeinen Leben, als nach den Regeln auf dem Teater sein. eigentlich sollte es nur in Schreien, in Aufwallungen, in Sylben bestehen.

H e r r v. G. Gott weiss alles, warum Zeitverlust?

P a s t o r . Ist es Zeitverlust, sich mit Gott bekannt machen, mit ihm umgehen, mit ihm reden?

H e r r v. G. Ohne dass er antworte?

P a s t o r . O, er antwortet! laut schallt es in der

H e r r v. G. Solch ein Hörer hört aber, was tausend andere nicht hören. Er ist mit dem Seher von einerlei Art.

P a s t o r . Die Erfüllung unseres Gebets

H e r r v. G. Die ohn' unser Gebet gekommen wäre. – Ich habe auf meinen Gütern einen alten Kerl, der, wenn er für seinen Fritzen betet, ihn dem lieben Gott auf ein Haar beschreibt. Segne meinen Sohn, den Friedrich Emanuel, Goldschmied in Mitau, nahe bei der Kirche, oben im Stübchen zur rechten Hand. – Freund, so ist all unser Gebet! Wir sagen dem lieben Gott, was er besser weiss; wir sagen ihm alle, dass unser Sohn ein Goldschmied in Mitau sei, dass er Friedrich Emanuel heisse, nahe bei der Kirche oben im Stübchen zur rechten Hand wohnhaft. Mein ehrlicher Franz macht's besser! Der kauft sich ein Gebetbuch, das er in seinen Kasten verschliesst, und wenn er des Abends schläfrig ist, klopft er dreimal an den Kasten und sagt Amen! " W i e d a s , F r a n z ? " Ich denke, sagte er, es ist dem lieben Gott eins, wo er es herausnimmt, ob aus dem Kästchen oder aus dem Herzen, wenn nur das Amen d a b e i ist. – Lieber Pastor, Gott bedarf unseres Gebets nicht.

P a s t o r . Aber wir bedürfen des Gebets, wir! Wir sollen alles mit Danksagung empfahen, wir sollen nicht vergessen, dass alles von Gott komme!

H e r r v. G. Er ist der Herr himmels und der Erden! Könige wollen Bitte und Dank! Gott der Herr

P a s t o r . Gebet und Dank von anderer Art! Unser Lallen, unser Verstummen ist ihm mehr als ein studirtes Geplärr! Solch Gebet und Dank, als wir Gott widmen, verstehen Könige und Fürsten nicht. – Es ist mir unausstehlich, wenn meine Amtsbrüder sich pharisäisch ein langes Gebet concipiren und es sich zehnund mehrmal in ihrer Studirstube vorsumsen, als ob der liebe Gott in ihrer Studirstube nicht wäre, und als ob sie ihn bloss in der Kirche auf einen Panegyrikus eingeladen hätten. Christus, der uns eine Vollmacht zu beten gab, und es uns in s e i n e m N a m e n zu tun nachliess, will, dass wir als Kinder zum Vater treten. – Hier liegt die ganze Lehre vom Gebet. – Hochtrabende Gebete mit allen göttlichen Titeln! studirte Gebete! wie sehr dieser idee entgegen! – Der Mann betet auf der Kanzel so vortrefflich, heisst mit andern Worten: der Mann ist ein falscher Spieler!

H e r r v. G. Ist's aber nicht kindlicher, sich in Gottes Willen ergeben und ihm alles anheim zu stellen?

P a s t o r . Das ist Gebet. Das Vater unser ist bis auf die bescheidene Bitte: B r o d a u f h e u t e , Ergebung in den göttlichen Willen. – Es ist ein heidnischer, allein ein überdachter, grosser Vorschlag, "wenn ein anderer betet, dass er seinen Sohn nicht verlieren möge, so bitte du, dass du dich nicht weigern oder fürchten mögest, ihn zu verlieren." – Der Christ braucht nicht von Heiden zu lernen. Sein Herr und Meister lehrt es ihn. Wer so stark ist, dass er nicht Worte braucht, bete mit der Seele, Geist zu Geist! Schwerlich wird jemand, der von Jugend auf sagen gelernt: Abba, mein Vater! sich ohne Worte behelfen. – Ein Wort, ein Wort, sagt man, ein Mann, ein Mann; allein Lebens- und Sterbens wegen schreibt man's doch auf. – Was diess Schriftliche beim Menschen ist, das ist das Gebet bei Gott, es geschehe, wie die Teologen sagen, mit dem Herzen allein, oder mit Herz, mit Hand und Mund!

H e r r v. G. Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, müssen es in Geist und in Wahrheit.

P a s t o r . Luter sagt von der Taufe